Kulturelle Beobachtungen auf Antigua


Eine Tafel am Museum in St. John's
interpretiert die Landesflagge.

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Zumidnest für einen Außenseiter ist es ziemlich schwierig, eine "kulturelle Identität" Antiguas auszumachen. Viele Völker auf der Welt haben ihre ganz eigene Lebensart, aus der dann Elemente herausgegriffen und von allen damit assoziiert werden: Die Franzosen und ihr Baguette, die Schotten und ihre Dudelsäcke, die Bayern und ihre Lederhosen. Ich wüßte nicht, was ich in dieser Reihe für Antigua angeben könnte. Die Sprache ist aus Großbritannien importiert, die meisten Waren kommen aus den USA - es ist nahezu unmöglich, irgendetwas zu finden, was man als Souvenir mit nach Hause bringen kann, weil nichts wirklich "typisch" ist! (Naja, vielleicht ausgenommen die steinernen Windmühlen, die aus der Zeit übrig sind, als man hier noch Zuckerrohr angebaut und verarbeitet hat.)

Aber vielleicht ist das auch zuviel verlangt. London ist ein ganzes Stück größer als Antigua und hat ungefähr 50mal so viele Einwohner, und die Londoner haben auch keine solche "Identität" :-) (Und was man als Souvenir nach Hause mitbringt, ist meist in China hergestellt.)

Ich erzähle also trotzdem mal ein paar Sachen, die mir so im öffentlichen Leben Antiguas aufgefallen sind.


Eine anglikanische Kirche, geweiht 1689
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Religion

Auf Antigua sind die meisten Menschen Anhänger von irgendeiner Art christlicher Religion; ich habe eine ganze Menge Kirchen gesehen, einige davon recht alt. Was mich sehr überraschte, war, daß die meisten Antiguaner die "Millenium-Nacht", als die ersten Minuten des Jahres 2000, in der Kirche verbrachten! Zuhause begrüßt man das neue Jahr ja eher mit Feuerwerk als mit Gebeten. Aber auf der anderen Seite war Weihnachten in St. John's ein einziges Straßenfest (mit Markt), und das kenne ich eher als ein "besinnliches" Fest. Vom frühen November an spielten die meisten Radiostationen die Hälfte der Zeit ziemlich nervenaufreibende Weihnachtslieder, mit viel Glocken und Geschichten von Mistelzweigen und Schnee - als ob die da unten jemals Schnee gesehen hätten!

Ich hatte auch den Eindruck, daß das "traditionelle" Konzept von Ehe und Kindern, mit der Ehefrau im Haus und dem Ehemann bei der Arbeit, hier noch weit verbreitet ist. Die meisten Frauen, die ich traf, konnten kaum glauben, daß ich mit 28 noch nicht verheiratet oder sogar Vater war. Ich habe da keine offiziellen Statistiken, aber das durchscnittliche Heiratsalter auf Antigua ist bestimmt so etwa 22.

Trotz der vielen verschiedenen christlichen Sekten schien mir, daß es zwischen ihnen nur wenig Wettbewerb und "ich-bin-heiliger-als-Du"-Grabenkämpfe gab. Der ökumenische Geist scheint auf Antigua besser angekommen zu sein als beispielsweise in Nordirland. (Ein Reiseführer, den ich auf Antigua gekauft habe, schreibt, es gebe einen Trend "weg von den ökumenischen Auffassungen der Kirchen, die aus Europa kamen und tiefe Wurzeln im Leben und der Geschichte Antiguas haben, hin zu der Intoleranz und Engstirnigkeit der Kirchen, die ihren Ursprung im Süden der USA hatten und die keine Ahnung vom westindischen Leben haben". Das hört sich aber so ein bißchen an, als ob Brian Dyde, der Autor des Buches, da mit jemandem ein Hühnchen rupfen will.


Rasta-Man
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Rasta

Was hat es mit diesen Rasta-Leuten auf sich? Einige sagen, es sei eine Religion, andere behaupten, es sei bloß eine Ausrede, um den ganzen Tag zu faulenzen und Joints zu rauchen. Ich habe nicht wirklich die Wahrheit finden können. Ich weiß nicht einmal, ob das "Rastatum" erblich ist oder ob Menschen einfach irgendwann in ihrem Leben die Entscheidung treffen. Auf jeden Fall gibt es eine Menge Leute auf Antigua, die sehr viele Haare haben, meist in schweren Locken, und oft unter einem großen Hut oder einer Kappe versteckt. Es gibt mehr davon im Süden als in St. John's. Trotz der gegenteiligen Gerüchte nehmen sie am öffentlichen Leben teil und arbeiten wie jeder andere auch. (Ich habe allerdings nie einen mit Anzug gesehen.)

Die paar Rasta-Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren ruhige, fast zurückgezogene Leute, und sehr freundlich. Meistens waren sie etwas enttäsucht über die Richtung, die die Gesellschaft einschlug - Kinder, die MTV gucken und in die USA wollen, wo Markenkleidung billig und alles "kewl" ist. Die Rasta-Leute hatten eher eine Lebensart, die das Land und die Pflanzen achtet, die einfachen Dinge - und wer könnte es ihnen übelnehmen bei so einem Klima!

 
Schilder am Straßenrand: Tourismus ist Geschäft für alle! Vollbild (1280x960) links, rechts

Tourism is everybody's business

Eine Anzahl dieser Schilder scheinen dazu da zu sein, die Einwohner von den Segnungen des Tourismus zu überzeugen. Die gibt es zweifelsohne - der Tourismus bringt viele Jobs und auch Geld in die Staatskasse - aber wieso muß man das an jeder Straßenecke verkünden? Ich hatte nicht den Eindruck, daß der durchscnittliche Antiguaner von Natur aus touristenfeindlich wäre. Vermutlich will die Regierung mit den Schildern eine Entwicklung wie auf Jamaica verhindern, wo überhandnehmende Kriminalität den Zustrom von Touristen deutlich gesenkt hat.

Wo wir dabei sind - einmal hat jemand in mein Auto eingebrochen und eine Kamera und ein paar US-Dollars geklaut. Die Kreditkarten und Papiere hat man mir aber dagelassen, also war es nicht so schlimm. Die üblichen Sicherheitsvorkehrungen gelten! Man hat auch öfters versucht, mir Hasch zu verkaufen, mich aber in Ruhe gelassen, wenn ich dankend ablehnte. Ich fühlte mich nie bedroht, weder, wenn ich nachts durch St. John's spazierte, noch die paar Mal, die ich mich mit dem Auto in ein sehr heruntergekommenes Viertel von St. John's verirrte.

Karneval

Ich habe das nie selbst miterlebt, aber mein Bericht wäre äußerst unvollständig ohne eine Erwähnung des Karnevals. Früher war der Karneval eine Weihnachtsfeier, aber mit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat man die Festivitäten in den Sommer verlegt. Karneval findet nun in der letzten Juliwoche statt, und kulminiert am ersten Montag und Dienstag im August (beides sind Feiertage). Was im wesentlichen passiert, ist, daß sich alle lustig anziehen und mit riesigen (wirklich riesigen) "Sound System"-Lastern durch die Straßen fahren, mit karibischer Musik auf voller Lautstärke (wirklich voller Lautstärke). Viele Geschäfte verrammeln ihre Fenster zum Karneval mit den sonst nur für Hurrikane benutzen Schutzmechanismen, denn sonst kann es durchaus vorkommen, daß ein vorbeifahrendes "Sound System" mal eine Scheibe zertrümmert - allein durch Schallwellen.

Natürlich betrinken sich auch alle, und außer Karneval passiert in diesen zehn Tagen nicht viel auf Antigua.


Boote im English Harbour
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Segeln

Wer das kleinste Bißchen Informationssuche betreiben hat, dem ist sicher schon aufgefallen, daß Antigua für die Antigua Sailing Week berühmt ist, eine Regatta, die Jahr für Jahr tausende von Skippern mit hunderten von Booten anzieht - hauptsächlich Amateure, sagt man. Ich verstehe nicht viel vom Segeln, und daher gibt es von mir hierzu auch keine weiteren Details - eine Unmenge an Webseiten informieren über diesen Aspekt des Lebens auf Antigua weit kompetenter, als ich das kann. Neben der Sailing Week gibt es auch noch eine jährliche Bootsschau und weitere segel-bezogene Verantstaltungen.

Der Grund, warum ich das hier auf der "Kultur"-Seite erwähne, ist, daß die kleine Segler-Truppe doch einen Teil der Gesellschaft prägt (zumindest einen Teil der Expat-Gesellschaft). Fast alle Einwohner Falmouths und English Harbours haben irgendwas mit dem Segeln zu tun. Die Gegend ist während der Hurricane Season ziemlich verlassen, aber wenn man zu irgendeiner anderen Zeit dahin kommt, wird man unweigerlich auf interessante Leute treffen: Leute, die auf Booten leben; Leute, für die alleine über den Atlantik zu segeln das ist, "was man eben macht, wenn man woanders hin will". Man trifft junge Leute aus der halben Welt - meistens Großbritannien, Neuseeland oder Australien -, die sich nach Schule und vor "richtigem" Job mal überlegen, was sie eigentlich wollen, und derweil auf einem Boot arbeiten; junge Crews, die teure Jachten über den Atlantik schippern, während die Besitzer das Flugzeug nehmen, undsoweiter.

Nicht viele wohnen das ganze Jahr über dort (und die, die's tun, bilden eine recht eng verflochtene kleine Truppe), aber viele kommen Jahr für Jahr wieder - einige zum Arbeiten, einige zum Vergnügen.

Cricket

Ich verstehe nun wirklich nichts von Sport. Ich komme aus Deutschland und kenne nicht mal die Fußballregeln. Nun stelle man sich so jemanden wie mich vor bei dem Versuch, Cricket zu verstehen! Das ist ja schon hart für die, die sich für Sport interessieren. Sogar für die, die spielen. Naja, aber soviel kann ich sagen: Auf Antigua bedeutet Cricket etwas. Es ist wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem Antigua auch international "mitreden" kann. Sie sind stolz auf ihre Spieler, und auch bei weniger bedeutenden Spielen gibt es eine Menge Zuschauer.

Links

Mount Prospect Press, eine sehr empfehlenswerte Ausstellung namens "From Slavery To Independence: The Black Presence In Our Islands", die es auch "live" im Regierungshaus in St. John's zu sehen gibt.


  Frederik Ramm, 2001-05-19