Kulturelle Beobachtungen auf Antigua
Zumidnest für einen Außenseiter ist es ziemlich schwierig, eine
"kulturelle Identität" Antiguas auszumachen. Viele Völker auf der
Welt haben ihre ganz eigene Lebensart, aus der dann Elemente herausgegriffen
und von allen damit assoziiert werden: Die Franzosen und ihr Baguette,
die Schotten und ihre Dudelsäcke, die Bayern und ihre Lederhosen.
Ich wüßte nicht, was ich in dieser Reihe für Antigua angeben
könnte. Die Sprache ist aus Großbritannien importiert, die meisten
Waren kommen aus den USA - es ist nahezu unmöglich, irgendetwas zu
finden, was man als Souvenir mit nach Hause bringen kann, weil nichts
wirklich "typisch" ist! (Naja, vielleicht ausgenommen die steinernen
Windmühlen, die aus der Zeit übrig sind, als man hier noch Zuckerrohr angebaut
und verarbeitet hat.)
Aber vielleicht ist das auch zuviel verlangt. London ist ein ganzes
Stück größer als Antigua und hat ungefähr 50mal so viele Einwohner,
und die Londoner haben auch keine solche "Identität" :-) (Und was man
als Souvenir nach Hause mitbringt, ist meist in China hergestellt.)
Ich erzähle also trotzdem mal ein paar Sachen, die mir so im öffentlichen
Leben Antiguas aufgefallen sind.
Religion
Auf Antigua sind die meisten Menschen Anhänger von irgendeiner Art
christlicher Religion; ich habe eine ganze Menge Kirchen gesehen, einige
davon recht alt. Was mich sehr überraschte, war, daß die meisten Antiguaner
die "Millenium-Nacht", als die ersten Minuten des Jahres 2000, in der Kirche
verbrachten! Zuhause begrüßt man das neue Jahr ja eher mit Feuerwerk als
mit Gebeten. Aber auf der anderen Seite war Weihnachten in St. John's
ein einziges Straßenfest (mit Markt), und das kenne ich eher als ein
"besinnliches" Fest. Vom frühen November an spielten die meisten Radiostationen
die Hälfte der Zeit ziemlich nervenaufreibende Weihnachtslieder, mit viel Glocken und
Geschichten von Mistelzweigen und Schnee - als ob die da unten jemals
Schnee gesehen hätten!
Ich hatte auch den Eindruck, daß das "traditionelle" Konzept von Ehe und
Kindern, mit der Ehefrau im Haus und dem Ehemann bei der Arbeit, hier noch
weit verbreitet ist. Die meisten Frauen, die ich traf, konnten kaum glauben,
daß ich mit 28 noch nicht verheiratet oder sogar Vater war. Ich habe da
keine offiziellen Statistiken, aber das durchscnittliche Heiratsalter auf
Antigua ist bestimmt so etwa 22.
Trotz der vielen verschiedenen christlichen Sekten schien mir, daß es
zwischen ihnen nur wenig Wettbewerb und "ich-bin-heiliger-als-Du"-Grabenkämpfe
gab. Der ökumenische Geist scheint auf Antigua besser angekommen zu sein
als beispielsweise in Nordirland. (Ein Reiseführer, den ich auf Antigua
gekauft habe, schreibt, es gebe einen Trend "weg von den ökumenischen
Auffassungen der Kirchen, die aus Europa kamen und tiefe Wurzeln im Leben
und der Geschichte Antiguas haben, hin zu der Intoleranz und Engstirnigkeit
der Kirchen, die ihren Ursprung im Süden der USA hatten und die keine Ahnung
vom westindischen Leben haben". Das hört sich aber so ein bißchen an, als
ob Brian Dyde, der Autor des Buches, da mit jemandem ein Hühnchen rupfen will.
Rasta
Was hat es mit diesen Rasta-Leuten auf sich? Einige sagen, es sei eine Religion,
andere behaupten, es sei bloß eine Ausrede, um den ganzen Tag zu faulenzen und
Joints zu rauchen. Ich habe nicht wirklich die Wahrheit finden können. Ich
weiß nicht einmal, ob das "Rastatum" erblich ist oder ob Menschen einfach irgendwann
in ihrem Leben die Entscheidung treffen. Auf jeden Fall gibt es eine Menge Leute
auf Antigua, die sehr viele Haare haben, meist in schweren Locken, und oft unter
einem großen Hut oder einer Kappe versteckt. Es gibt mehr davon im Süden als in
St. John's. Trotz der gegenteiligen Gerüchte nehmen sie am öffentlichen Leben
teil und arbeiten wie jeder andere auch. (Ich habe allerdings nie einen mit Anzug
gesehen.)
Die paar Rasta-Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren ruhige, fast zurückgezogene
Leute, und sehr freundlich. Meistens waren sie etwas enttäsucht über die Richtung,
die die Gesellschaft einschlug - Kinder, die MTV gucken und in die USA wollen, wo
Markenkleidung billig und alles "kewl" ist. Die Rasta-Leute hatten eher eine
Lebensart, die das Land und die Pflanzen achtet, die einfachen Dinge - und wer
könnte es ihnen übelnehmen bei so einem Klima!

Schilder am Straßenrand: Tourismus ist Geschäft für alle!
Vollbild (1280x960)
links,
rechts
Tourism is everybody's business
Eine Anzahl dieser Schilder scheinen dazu da zu sein, die Einwohner von den
Segnungen des Tourismus zu überzeugen. Die gibt es zweifelsohne - der Tourismus
bringt viele Jobs und auch Geld in die Staatskasse - aber wieso muß man das
an jeder Straßenecke verkünden? Ich hatte nicht den Eindruck, daß der durchscnittliche
Antiguaner von Natur aus touristenfeindlich wäre. Vermutlich will die Regierung
mit den Schildern eine Entwicklung wie auf Jamaica verhindern, wo überhandnehmende
Kriminalität den Zustrom von Touristen deutlich gesenkt hat.
Wo wir dabei sind - einmal hat jemand in mein Auto eingebrochen und eine Kamera
und ein paar US-Dollars geklaut. Die Kreditkarten und Papiere hat man mir aber
dagelassen, also war es nicht so schlimm. Die üblichen Sicherheitsvorkehrungen
gelten! Man hat auch öfters versucht, mir Hasch zu verkaufen, mich aber in
Ruhe gelassen, wenn ich dankend ablehnte. Ich fühlte mich nie bedroht, weder,
wenn ich nachts durch St. John's spazierte, noch die paar Mal, die ich mich
mit dem Auto in ein sehr heruntergekommenes Viertel von St. John's
verirrte.
Karneval
Ich habe das nie selbst miterlebt, aber mein Bericht wäre äußerst unvollständig
ohne eine Erwähnung des Karnevals. Früher war der Karneval eine Weihnachtsfeier,
aber mit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat man die Festivitäten
in den Sommer verlegt. Karneval findet nun in der letzten Juliwoche statt, und
kulminiert am ersten Montag und Dienstag im August (beides sind Feiertage).
Was im wesentlichen passiert, ist, daß sich alle lustig anziehen und mit riesigen
(wirklich riesigen) "Sound System"-Lastern durch die Straßen fahren, mit karibischer
Musik auf voller Lautstärke (wirklich voller Lautstärke). Viele Geschäfte verrammeln
ihre Fenster zum Karneval mit den sonst nur für Hurrikane benutzen Schutzmechanismen,
denn sonst kann es durchaus vorkommen, daß ein vorbeifahrendes "Sound System" mal
eine Scheibe zertrümmert - allein durch Schallwellen.
Natürlich betrinken sich auch alle, und außer Karneval passiert in diesen zehn
Tagen nicht viel auf Antigua.
Segeln
Wer das kleinste Bißchen Informationssuche betreiben hat, dem ist sicher schon aufgefallen,
daß Antigua für die Antigua Sailing Week berühmt ist, eine Regatta, die
Jahr für Jahr tausende von Skippern mit hunderten von Booten anzieht - hauptsächlich
Amateure, sagt man. Ich verstehe nicht viel vom Segeln, und daher gibt es von mir hierzu
auch keine weiteren Details - eine Unmenge an Webseiten informieren über diesen Aspekt
des Lebens auf Antigua weit kompetenter, als ich das kann. Neben der Sailing Week
gibt es auch noch eine jährliche Bootsschau und weitere segel-bezogene Verantstaltungen.
Der Grund, warum ich das hier auf der "Kultur"-Seite erwähne, ist, daß die kleine
Segler-Truppe doch einen Teil der Gesellschaft prägt (zumindest einen Teil der
Expat-Gesellschaft). Fast alle Einwohner Falmouths und English Harbours haben irgendwas
mit dem Segeln zu tun. Die Gegend ist während der Hurricane Season ziemlich verlassen,
aber wenn man zu irgendeiner anderen Zeit dahin kommt, wird man unweigerlich auf
interessante Leute treffen: Leute, die auf Booten leben; Leute, für die alleine über
den Atlantik zu segeln das ist, "was man eben macht, wenn man woanders hin will".
Man trifft junge Leute aus der halben Welt - meistens Großbritannien, Neuseeland oder
Australien -, die sich nach Schule und vor "richtigem" Job mal überlegen, was sie
eigentlich wollen, und derweil auf einem Boot arbeiten; junge Crews, die teure Jachten
über den Atlantik schippern, während die Besitzer das Flugzeug nehmen, undsoweiter.
Nicht viele wohnen das ganze Jahr über dort (und die, die's tun, bilden eine recht
eng verflochtene kleine Truppe), aber viele kommen Jahr für Jahr wieder - einige
zum Arbeiten, einige zum Vergnügen.
Cricket
Ich verstehe nun wirklich nichts von Sport. Ich komme aus Deutschland und kenne nicht
mal die Fußballregeln. Nun stelle man sich so jemanden wie mich vor bei dem Versuch,
Cricket zu verstehen! Das ist ja schon hart für die, die sich für Sport interessieren.
Sogar für die, die spielen. Naja, aber soviel kann ich sagen: Auf Antigua bedeutet
Cricket etwas. Es ist wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem Antigua auch international
"mitreden" kann. Sie sind stolz auf ihre Spieler, und auch bei weniger bedeutenden
Spielen gibt es eine Menge Zuschauer.
Links
Mount Prospect Press,
eine sehr empfehlenswerte Ausstellung namens
"From Slavery To Independence: The
Black Presence In Our Islands", die es auch "live" im Regierungshaus in
St. John's zu sehen gibt.
Frederik Ramm, 2001-05-19