Aber ach, nur 300 Jahre nach der Einnahme der Insel durch die Kariben kam Besuch von einer noch weniger friedfertigen Volksgruppe, die wir heute Europäer nennen. Ihr Häuptling hieß Kolumbus und taufte die Insel "Santa Maria la Antigua" nach einer Figur in der Kathedrale von Sevilla. - Es dauerte allerdings rund 150 Jahre, bis die Spanier, Engländer und Portugiesen es schafften, eine Siedlung zu errichten, die nicht gleich von den Kariben dem Erdboden gleichgemacht wurde. Diese englische Siedlung wurde in 1632 gegründet und befand sich im Süden der Insel, an einem Ort, der nun "Old Road" heißt. Von ein paar Monaten in den Jahren 1666 und 1667 abgesehen, befand sich die Insel von da an bis zu ihrer Unabhängigkeit 1981 fest in englischer Hand.
Nachdem anfängliche Versuche mit der Produktion von Tabak nur von
mäßigem Erfolg gekrönt waren, wurde alles auf den Anbau von
Zuckerrohr ausgerichtet. Eine große Zahl von Sklaven wurde aus
Afrika importiert, um die Farmen zu betreiben. Am 1. August 1834
wurden die Sklaven formell zu freien Menschen, doch die meisten
kehrten - nun als "freie Arbeiter" - an ihre vorherigen Einsatzorte
zurück. Einige zogen aber auch in neue, eigene Dörfer; Orte wie
"Liberta", "Freetown" oder "Freemans Village" erinnern uns heute
daran. Im 19. Jahrhundert nahm der Wert des westindischen Zuckers
ständig ab, weil die Hauptabnehmer andere, preiswertere Quellen
hatten. Der Landbesitz konzentrierte sich immer stärker in wenigen
Händen, und in der Mitte der 1940er Jahre gehörte fast alles
fruchtbare Land einer einzigen Firma.
Während des zweiten Weltkriegs wurde Antigua sehr stark von der großen Zahl amerikanischer Soldaten beeinflußt, die dort stationiert waren. Viele Antigua hatten die Gelegenheit, zu wesentlich höheren Löhnen, als sie in der Landwirtschaft erzielbar waren, für die Amerikaner zu arbeiten. Dabei erlernten sie häufig auch handwerkliche Fähigkeiten, die nach dem Abzug der Amerikaner durchaus nützlich waren. Die Zuckerproduktion ging weiter zurück und war bis 1972 vollständig durch andere landwirtschaftliche Aktivitäten wie den Anbau von Obst und Baumwolle sowie die Viehzucht ersetzt. Heute sind schätzungsweise nur noch weniger als fünf Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. (Der größte Arbeitgeber auf der Insel ist heute das staatseigene öffentliche Versorgungsunternehmen APUA.)
Seit 1943, als er zum Präsidenten der Handels- und Arbeitergewerkschaft gewählt wurde, dominierte ein Mann die politische Szene: Vere Cornwall Bird. Er führte Antigua durch die verschiedenen Stufen der Unabhängigkeit bis hin zur vollen Eigenstaatlichkeit am 1. November 1981. Bird trat 1994 als Premierminister zurück und wurde im Amt von seinem Sohn Lester beerbt. (Gerüchteweise hört man, Bird hätte eigentlich lieber seinen anderen Sohn als Premierminister gesehen, doch das sei nicht möglich gewesen, weil der zu jener Zeit in einen größeren Korruptionsskandal verwickelt war.) - V.C. Bird starb 1998; er war vermutlich der einzige Nationalheld, den Antigua je hatte (naja - außer Sir Vivian Richards, dem Ex-Kapitän des West Indies-Cricket-Teams). Man stößt immer wieder auf den Namen, zu allererst, wenn man per Flugzeug anreist: Der Flughafen heißt "VC Bird International".
Natürlich sind "Papa Bird" und Sohn nicht unumstritten. Es heißt, daß rund ein Viertel der Auslandsschulden, die Antigua seit der Unabhängigkeit angehäuft hat, irgendwie bei der Familie gelandet sind. Die Tatsache, daß die Schwester des Premierministers Juristin ist und mit ihrer Kanzlei besonders gern von Vertretern ausländischer Geschäftsinteressen in Anspruch genommen wird, ist auch manchen ein Dorn im Auge.
Die letzten Jahre brachten eine engere Zusammenarbeit der ostkaribischen Inselstaaten mit sich (Kritiker sagen allerdings, es sei immer noch zu wenig), und auch die eine oder andere diplomatische Auseinandersetzung über Geldwäsche. Auf der Suche nach neuen Geldquellen hat die Regierung versucht, Antigua als eine Art "Silicon Island" zu präsentieren und Internet-Firmen anzulocken - die Einnahmen aus der Tourismusbranche sind offenbar hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil die Gewinne in den vielen Resorts direkt ins Ausland abfließen. Einmal wurde sogar erwogen, eine Einkommensteuer einzuführen, aber diese Idee mußte wegen lautstarker Proteste der Bevölkerung wieder vom Tisch.
Das Bild auf dieser Seite zeigt eine der Y2K-Vorbereitungstafeln, die die Regierung in St. John's hat aufstellen lassen. Ich habe die ersten Monate des Jahres 2000 auf Antigua verbracht und konnte keine Störungen feststellen.