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Montag, 13. November 1989, S. 1
An sämtlichen Grenzübergängen nach West-Berlin und zum Bundesgebiet bildeten sich am Wochenende kilometerlange Auto-Staus. Obwohl auch die DDR auf Formalitäten weitgehend verzichtet und über Nacht neue Übergänge an der innerdeutschen Grenze in die Mauer gerissen hatte, war der Andrang der DDR-Bürger nur schwer zu bewältigen. In Helmstedt war die Autoschlange 60 Kilometer lang.
Vor Rathäusern, Banken und Postdienststellen bildeten sich lange Schlangen von DDR-Besuchern, die ihr Begrüßungsgeld (100 DM) abholten und in die Kaufhäuser trugen. Stadtverwaltungen mußten sich kurzfristig Geld borgen, weil sie nicht mit solchen Besucherscharen gerechnet hatten. Die Ladenschlußzeiten wurden in zahlreichen Bundesländern außer Kraft gesetzt, damit die DDR-Bürger ihre Kauflust stillen konnten. Nur ein Bruchteil von ihnen, 25.000, so das Bonner Innenministerium, will im Westen bleiben. Die Zahl der DDR-Übersiedler, die zurück will, dagegen steigt an.
Die DDR hat seit Öffnung der Grenze 4,3 Millionen Besuchsvisa ausgeste11t. Nach Berlin kamen seit Donnerstag abend zwei Millionen DDR-Bürger nach Angaben des Westberliner Bürgermeisters Momper. Dort war der Potsdamer Platz wieder passierbar. Momper und sein Ostberliner Kollege Erhard Krack hatten den neuen Übergang gemeinsam eröffnet.
Das friedliche Wiedersehensfest in Berlin war nur am Brandenburger Tor gefährdet, als offensichtlich Angetrunkene mit Spitzhacken auf die Mauer einschlugen und die Mauer bestiegen.
Als gestern abend die vollgepackten Autokarawanen wieder in langen Staus in Richtung DDR schlichen, sagten die meisten Besucher: Wir sind überwältigt. Wir sind so herzlich aufgenommen worden. Wir kommen wieder. Viele von ihnen hatten kaum geschlafen, sondern mit Bundesbürgern gefeiert und diskutiert. Ein DDR-Bürger: "Geschlafen haben wir 28 Jahre. Jetzt leben wir."
Verwirrung herrschte gestern noch darüber, ob die DDR nun auch West-Berlinern und Bundesbürgern die Einreise unbürokratisch erlaubt. Westdeutsche hatten berichtet, sie seien ohne Visa in die DDR gelangt. Dagegen meldete die amtliche DDR-Nachrichtenagentur ADN: An den bestehenden Visa-Regelungen für die DDR-Einreise habe sich nichts geändert.
In Hessen waren Eschwege, Bebra und Bad Hersfeld beliebte Reiseziele der DDR-Bürger. "Bebra ist heute ein Weltstadt" meinte ein Einwohner, als tausende von DDR-Bürgern schon am frühen Morgen mit Zügen herbeiströmten. Ein Metzger machte mit "Thüringer Bratwurst" ein tolles Geschäft.
DDR-Verteidigungsminister Keßler sagte am Sonntagabend in der "aktuellen Kamera", der Schießbefehl sei aufgehoben. Die Grenztruppen seien angewiesen worden, ihre Aufgaben der Sicherung der Grenze und ihrer Anlagen "ohne Gebrauch und Einsatz von Schußwaffen" zu erfüllen. Bisher war der Gebrauch von Waffen "bei Fahnenflucht, Angriff auf das eigene Leben oder gleichzeitig Diensttuender" sowie bei "Angriff mit schwerer Technik" zugelassen.
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