Höchster Kreisblatt, Montag, 13. November 1989, S. 2

Scan

Das Vertrauen ist nicht grenzenlos

Berlin (dpa/ap). - 90 Prozent der Deutschen in Ost und West glauben, daß die innerdeutsche Grenze jetzt "für immer" durchlässig bleibt. Aber trotz der Grenzöffnung haben die wenigsten - 14 Prozent der Bundesbürger und 19 Prozent der DDR-Bürger - Vertrauen zu der neuen DDR-Führung. Das ergab eine Umfrage der Wickert-Institute. 92 Prozent der Bundesbürger und 95 Prozent der DDR-Bürger sind laut Umfrage dafür, den Tag der Grenzöffnung, den 9. November, zu einem gemeinsamen Feiertag zu machen. Die Mehrheit wäre bereit, "ein Stückchen aus der Mauer als Souvenir für bis zu zehn Mark zu kaufen, wenn das zum völligen Abbruch der Mauer führen würde."

Hier Splitter vom "gesamtdeutschen" Wochenende.

Trabantenstädte

West-Berlin und die bundesdeutschen Gemeinden in Grenznähe waren am Wochenende reine "Trabanten-Städte", vollgeparkt mit "Trabis". Die Zweitakter sorgten für eigenen Geruch, der sich mit dem Duft der großen Welt verbrüderte. In Berlin Ost und West, wo kaum ein Taxi zu kriegen war, wurde Trampen wieder modern. So mancher Berliner aus West stieg dankbar in einen Trabis aus Ost, um wieder nach Hause zu kommen.

Rotlicht-Szenen

Auch in Hamburg waren die Nächte für die DDR-Besucher lang. Beim Volksfest "Hamburger Dom" gab es für sie bei den meisten Achterbahnen, Karussells und Geisterbahnen freie Fahrt. Und als sie durch das Rotlicht-Viertel, die Reeperbahn, pirschten, moserten die Sexshop-und Spielhallenbesitzer: "Die halten ihre Knete zusammen." Bei einem Besuch in einer Westberliner Peepshow sagte ein junger Bürger, was er empfunden hatte: "Ne, schön war das nicht, eher ekelig." Warum er hinging? "Um das den Kumpels zu erzählen." Eine ältere Dame (Ost) begründete ihren Gang in die Sexshow selbstbewußt so: "Das wollen wir auch schon mal sehen."

Brückenschlag

Auch die Brücken zwischen Ost und West öffneten sich am Wochenende. Eine war dem Andrang nicht gewachsen. Wie das Technische Hilfswerk in Hannover mitteilte, mußte in der Nacht zum Samstag am neuen Grenzübergang Stapelburg eine Behelfsbrücke über die Ecker gebaut wrden, da die alte Brücke unter dem Besucherstrom zusammenbrach.

Radler-Freiheit

Auch Radfahrer erfuhren ihr deutsch-deutsches Erlebnis. Nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs durften zahlreiche West-Berliner mit ihren Fahrrädern in den Ostteil der Stadt radeln. Wenn es nach dem Club geht, soll der neue innerstädtische Verkehr nur noch mit dem Rad abgewickelt werden. Das verhindere einen Verkehrschaos, und die Berliner Luft bleibe sauberer.

Schüler-Post

Auch Lübeck lief über, als die Besucher aus der DDR kamen. So mancher Trabi-Parker guckte ganz besorgt, als er zu seinem Gefährt zurückkam und glaubte, er habe einen Strafzettel von der Polizei verpaßt bekommen. Hinter den Scheibenwischern steckten jedoch Begrüßungs-Zettel. Spontan hatten Lübecker Schüler Zettel aus ihren Schulheften gerissen und geschrieben "Schön, daß Ihr da seid" oder "Herzlich willkommen, Klasse 10."

So ein Tag

Dem Komponisten Lothar Olias kamen am Wochenende die Freudentränen, als aus deutsch-deutschen Kehlen immer wieder sein Lied erklang "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Einem Schweizer Sonntagsblatt sagte der Wahl-Tessiner (75): "Als ich mein Lied von Berlinern gesungen hörte, kamen mir die Tränen. Es war ein Freiheitsschrei wie damals vor 40 Jahren, als ich das Lied schrieb."

Leerlauf

Die Bürger liefen und fuhren weg, und in der DDR war die Produktion lahmgelegt. "Am Freitag gab es Produktionsausfälle, weil Arbeiter in Westberlin spazierengingen" zitierte die DDR-Nachrichtenagentur ADN die "Berliner Zeitung" (Ost). Das Blatt weiter, die Freude über die neue Reiseregelung sei verständlich, jedoch: "Muß man aber Verständnis für leere Werkhallen und fehlende Waren aufbringen?" Ohne Arbeit laufe nichts, deshalb müsse jeder an seinem Platz seine Pflicht tun.

Koffer-Geld

Kein westdeutsches Kleingeld hatte die DDR-Staatsbank mehr. Da alle DDR-Besucher in den Westen 15 DM mit auf den Weg bekommen, fehlten Zehn-Mark-Scheine und Fünf-Mark-Stücke. So staunte die Polizei in der Hansestadt Lübeck nicht schlecht, bei der zwei Damen und zwei Herren mit einem Geld-Koffer erschienen. Inhalt: 700000 Mark West. Die Damen und Herren von der DDR-Staatsbank baten die Ordnungshüter um ein Wechsel-Geschäft: Sie brauchten dringend Kleingeld. Ihnen konnte nicht schnell geholfen werden, denn auch die Lübecker Banken hatten kaum Kleingeld in den Safes. Ein mobilisiertes Geldtransportunternehmen fuhr schließlich das viele Kleingeld heran.

Freundschaft

Die Verbrüderung machte vor den Uniformen nicht halt. Der Grenzübergang Potsdamer Platz war gerade geöffnet, da schlenderten DDR-Grenzsoldaten und West-Berliner Polizisten untergehakt, Arm in Arm, von Ost nach West.


  Frederik Ramm, 2001-04-27