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Montag, 13. November 1989, S. 2
Hier Splitter vom "gesamtdeutschen" Wochenende.
West-Berlin und die bundesdeutschen Gemeinden in Grenznähe waren am Wochenende reine "Trabanten-Städte", vollgeparkt mit "Trabis". Die Zweitakter sorgten für eigenen Geruch, der sich mit dem Duft der großen Welt verbrüderte. In Berlin Ost und West, wo kaum ein Taxi zu kriegen war, wurde Trampen wieder modern. So mancher Berliner aus West stieg dankbar in einen Trabis aus Ost, um wieder nach Hause zu kommen.
Auch in Hamburg waren die Nächte für die DDR-Besucher lang. Beim Volksfest "Hamburger Dom" gab es für sie bei den meisten Achterbahnen, Karussells und Geisterbahnen freie Fahrt. Und als sie durch das Rotlicht-Viertel, die Reeperbahn, pirschten, moserten die Sexshop-und Spielhallenbesitzer: "Die halten ihre Knete zusammen." Bei einem Besuch in einer Westberliner Peepshow sagte ein junger Bürger, was er empfunden hatte: "Ne, schön war das nicht, eher ekelig." Warum er hinging? "Um das den Kumpels zu erzählen." Eine ältere Dame (Ost) begründete ihren Gang in die Sexshow selbstbewußt so: "Das wollen wir auch schon mal sehen."
Auch die Brücken zwischen Ost und West öffneten sich am Wochenende. Eine war dem Andrang nicht gewachsen. Wie das Technische Hilfswerk in Hannover mitteilte, mußte in der Nacht zum Samstag am neuen Grenzübergang Stapelburg eine Behelfsbrücke über die Ecker gebaut wrden, da die alte Brücke unter dem Besucherstrom zusammenbrach.
Auch Lübeck lief über, als die Besucher aus der DDR kamen. So mancher Trabi-Parker guckte ganz besorgt, als er zu seinem Gefährt zurückkam und glaubte, er habe einen Strafzettel von der Polizei verpaßt bekommen. Hinter den Scheibenwischern steckten jedoch Begrüßungs-Zettel. Spontan hatten Lübecker Schüler Zettel aus ihren Schulheften gerissen und geschrieben "Schön, daß Ihr da seid" oder "Herzlich willkommen, Klasse 10."
Dem Komponisten Lothar Olias kamen am Wochenende die Freudentränen, als aus deutsch-deutschen Kehlen immer wieder sein Lied erklang "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Einem Schweizer Sonntagsblatt sagte der Wahl-Tessiner (75): "Als ich mein Lied von Berlinern gesungen hörte, kamen mir die Tränen. Es war ein Freiheitsschrei wie damals vor 40 Jahren, als ich das Lied schrieb."
Die Bürger liefen und fuhren weg, und in der DDR war die Produktion lahmgelegt. "Am Freitag gab es Produktionsausfälle, weil Arbeiter in Westberlin spazierengingen" zitierte die DDR-Nachrichtenagentur ADN die "Berliner Zeitung" (Ost). Das Blatt weiter, die Freude über die neue Reiseregelung sei verständlich, jedoch: "Muß man aber Verständnis für leere Werkhallen und fehlende Waren aufbringen?" Ohne Arbeit laufe nichts, deshalb müsse jeder an seinem Platz seine Pflicht tun.
Kein westdeutsches Kleingeld hatte die DDR-Staatsbank mehr. Da alle DDR-Besucher in den Westen 15 DM mit auf den Weg bekommen, fehlten Zehn-Mark-Scheine und Fünf-Mark-Stücke. So staunte die Polizei in der Hansestadt Lübeck nicht schlecht, bei der zwei Damen und zwei Herren mit einem Geld-Koffer erschienen. Inhalt: 700000 Mark West. Die Damen und Herren von der DDR-Staatsbank baten die Ordnungshüter um ein Wechsel-Geschäft: Sie brauchten dringend Kleingeld. Ihnen konnte nicht schnell geholfen werden, denn auch die Lübecker Banken hatten kaum Kleingeld in den Safes. Ein mobilisiertes Geldtransportunternehmen fuhr schließlich das viele Kleingeld heran.
Die Verbrüderung machte vor den Uniformen nicht halt. Der Grenzübergang Potsdamer Platz war gerade geöffnet, da schlenderten DDR-Grenzsoldaten und West-Berliner Polizisten untergehakt, Arm in Arm, von Ost nach West.
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