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Montag, 13. November 1989, S. 2
Wir müssen uns erstmal klar darüber sein, daß kein Demokrat, der an Selbstbestimmung glaubt, das Recht hat, den Deutschen die Wiedervereinigung zu verweigern, wenn sie es wollen. Der Westen tritt für das Ziel eines vereinigten Deutschlands ein, und es ist jetzt nicht an der Zeit, Ausflüchte zu suchen. Die Wiedervereinigung kann jedoch nicht stattfinden, bevor eine ganze Reihe von Vorbedingungen erfüllt sind. Die wichtigste davon ist die Wahl einer demokratischen Regierung in der DDR... Das beste, das Westeuropa für den Osten tun kann, ist der Weiterbau an den europäischen Einrichtungen, die einen derartigen Magneten für den Osten bedeuten.
The New York Times
Sie tanzten, weil der tragische Zyklus von Katastrophen, der Europa zuerst vor 75 Jahren erschütterte, zu dem zwei Weltkriege, der Holocaust und der Kalte Krieg gehörten, sich endlich dem Ende zu nähern scheint... Die ausgelassenen Berliner aus Ost und West konnten kaum glauben, daß die verhaßte Mauer endlich durchbrochen wurde. Die, die von überall auf der Welt zuschauten, konnten ihr Entzücken nur teilen - und ihre Fragen, was das alles bedeutet. Wenn der entsetzliche Zyklus, der 1914 begann, endlich geschlossen ist, welche neuen Räder haben sich in Bewegung gesetzt? Instabilität in Osteuropa hat selten gute Nachrichten gebracht. Aber diese Auflösung könnte zum Ausgleich führen, selbst wenn die Umrisse dieses Ausgleichs noch unklar bleiben.
Corriere Della Sera
Alle Bewegungen der vergangenen zehn Monate haben die Gestalt der kommunistischen Welt erschüttert und verändert. Aber der plötzliche Fall der Berliner Mauer ist der dramatischste und bedeutsamste... Der Abbruch der Mauer hat einen dramatischen Symbolgehalt für die Trennung in Europa. Die direkten psychologischen Folgen sind tief, die politische Bedeutung für die Zukunft enorm. Es existiert heute nicht einfach eine Krise der kommunistischen Welt in Osteuropa, sondern das Ende der Ordnung von Jalta ist angezeigt, die das Gleichgewicht auf unserem Kontinent und die Beziehungen zwischen dem Westen und der sowjetischen Welt regelte.
l'Unita
Dies sind begeisternde Tage für Europa. Jeder von uns sollte sich freuen, einen Moment wie diesen erleben und mitfeiern zu dürfen. In diesen Tagen vollzieht sich ein Wechsel in der Geschichte einer Nation. In diesem Fall ist es sogar etwas mehr. Es ist die Geschichte eines Kontinents sichtbar auf der Bühne Deutschlands, wo die Hauptperson das Volk und das Thema die Demokratisierung der DDR ist, die das große Grenzbauwerk in Europa beseitigt. In dieser Stunde muß wahrhaftig gesagt werden: "Wir sind alle Berliner" in Anlehnung an das berühmte Wort Kennedys.
Algemeen Dagblad
Ostdeutsche Funktionäre mußten allerlei Verrenkungen machen, um die Mauer zu rechtfertigen: "Ein Schutzwall gegen das Eindringen faschistischer Kräfte aus dem Westen". Daß dies nicht der Zweck der Mauer war, hat die Geschichte gewiesen. Niemand wollte in die DDR hinein, viele wollten dagegen aus ihr heraus. Wer vor ein paar Wochen gewagt hätte vorherzusagen, daß die Mauer kein Hindernis mehr sein würde, wäre als Phantast bezeichnet worden. Jetzt sind wir Zeugen von ergreifenden Bildern von sich umarmenden Berlinern aus Ost und West. Das zeigt an, wie schwindelerregend schnell sich eine Situation, die 30 Jahre bestanden hat, verändern kann.
Kurier
In der Geschichte der Revolution gibt es nichts, was sich mit dem Aufbruch in der DDR vergleichen ließe: Wie hier ein Volk mit keiner anderen Waffe als den eigenen Füßen - mit Massenflucht und Massenaufmärschen - den Zusammenbruch der Zwangherrschaft und den Einsturz der Festungsmauern erkämpfte. Die Öffnung der Schlagbäume ist der bisher verzweifeltste Versuch, den galoppierenden Machtverfall zu stoppen und sich optisch an die Spitze des Bürgerwillens zu setzen.
Neue Zürcher Zeitung
Ein westdeutsches Engagement in der Krise der DDR ist unweigerlich mit der Frage der Wiedervereinigung verknüpft, auch wenn von Bonn zunächst altruistische Motive geltend gemacht werden und seine gegenwärtige Haltung durch große Mäßigung und kluge Nüchternheit geprägt ist. Es wird deshalb größter staatsmännischer Kunst bedürfen, um eventuelle Zweifel der Allianzpartner am festen Standort Bonns im westlichen Bündnis zu zerstreuen und gleichwohl den Verpflichtungen als Patenonkel einer sich demokratisch entwickelnden DDR bzw. als Konkursverwalter eines abgewirtschafteten Regimes nachzukommen.
Le Figaro
Deutschland wird wieder ein Land mit 80 Millionen Menschen werden, bei weitem das leistungsfähigste und stärkste in Europa. Es wird der Hauptpartner Rußlands werden, das Deutschland am nötigsten hat. Das Gleichgewicht zwischen Frankreich und Deutschland, das zu Beginn des europäischen Aufbaus geschaffen und das recht und schlecht beibehalten wurde, wird zerbrechen. Man wird ein anderes finden müssen.