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Montag, 13. November 1989, S. 13
Überall im Viertel sind Trabis und Wartburg geparkt. Passanten bleiben stehen. Spontan entwickeln sich angeregte Diskussionen. "Die Menschen in der DDR haben kein Vertrauen in den Wandel", sagt einer. Doch fast alle wollen sie wieder zurück. "Am Montag muß ich in Altenburg zur Arbeit", bestätigt ein junger Mann. "Unsere Kinder warten zu Hause", sagt ein Ehepaar. "Aber erstmal schauen wir uns Frankfurt an."
Für viele ist es ein Wiedersehen mit Verwandten. Manche fallen sich überglücklich um den Hals. Keiner von ihnen wird diesen Tag vergessen.
Sozialdezernentin Christine Hohmann-Dennhardt eilt herbei und spricht über den Lautsprecher eines Polizeiwagens. "Ich kann Ihnen mitteilen, daß die Hessische Landesregierung für dieses Wochenende das Ladenschlußgesetz außer Kraft gesetzt hat. Alle Geschäfte dürfen bis 18 Uhr öffnen. Sie können also in Ruhe einkaufen." Beifall kommt auf: "Ist ja Wahnsinn, was die hier alles möglich machen." Doch was die Sozialdezernentin zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht wissen konnte: Die Frankfurter Kaufhäuser spielen nicht mit. Punkt 14 Uhr rasseln die Rollos herunter. Ladenschluß.
Zusammen mit Bürgermeister Hans-Jürgen Moog, Vorsitzender des Roten Kreuzes Frankfurt, bedankt sich die Dezernentin bei den 20 Mitarbeitern des Amtes, die seit Stunden ohne Frühstück und Mittagessen für die DDR-Besucher da sind. Die Wartenden füllen das Treppenhaus bis zum sechsten Stock. Vor dem Haus frieren einige. Schnell bringt das Rote Kreuz warme Mahlzeiten für alle, "sonst fällt uns noch jemand um", befürchtet Willibald Sattler, Geschäftsführer des DRK. Seine Organisation richtet zur Sicherheit eine Unfall-Hilfsstelle mit ärztlicher Versorgung ein. Ganz unbürokratisch liefert das Warenhaus Metro die letzten Fünfliter-Dosen Erbsen und Möhren für rund 5000 Mahlzeiten: auf Kredit. Die Schlange wächst und reicht jetzt bis zur Feuerbachstraße. Damit das Begrüßungsgeld schneller ausgezahlt werden kann, läßt die Sozialdezernentin die nötigen Formalitäten verkürzen. Dann setzt sie sich selbst an den Schreibtisch und stempelt die DDR-Pässe ab. Unterstützung gibt es auch von den Stadtverordneten Jutta Ebeling, Margarethe Nimsch, Paul Labonté, Dieter Mönch und Reinhard Wegener. Sie helfen bei Formalitäten und schenken heißen Kaffee aus. Die Schlange wird langsam kürzer.
Kurz nach 15 Uhr kommt Volker Hauff. "Klar kennen wir den. Das ist doch euer Oberbürgermeister", sagt ein Gast aus dem Osten. Der OB kommt direkt aus Bonn, wo sich der SPD-Vorstand mit der Lage an der deutsch-deutschen Grenze befaßt hat. Länger unterhält sich Volker Hauff mit einer Familie aus Schmalkalden "Ich habe einen Bruder hier in Frankfurt", sagt der DDR-Bürger. Und: "Sie haben eine sehr schöne Stadt". Hauff lächelt, und die Fernsehkameras surren dazu.
Vor dem Bürgertreff Westend öffnet eine Frau spontan ihre Geldbörse und reicht einem Kind aus der DDR zehn Mark - "kauf Dir davon was Süßes". Aber das wollen die Eltern nun doch nicht und lehnen freundlich ab.
Auch der Sonntag kommt strahlend. An der Hauptwache scharen sich die Menschen. Mittendrin die Skateboard-Fahrer. Sie flitzen, springen, zeigen Stops und Überschläge. Ihre bunten Overalls und Sweat-Shirts glänzen im Sonnenlicht. Die Besucher in Jeans und No-Name-Turnschuhen spenden Beifall. So etwas gibt es in Erfurt, Eisenach oder Suhl nicht alle Tage zu bestaunen. Aber dieser Tag war für die meisten Gäste aus der DDR ohnehin kein Tag wie jeder andere. "Wir kommen wieder", war allenthalben zu hören. Als wär's die normalste Sache auf der Welt.