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Dienstag, 14. November 1989, S. 1
Auch am ersten Arbeitstag nach dem deutsch-deutschen Wiedersehensfest nutzten gestern schätzungsweise 100000 DDR-Bürger die offenen Grenzen für einen Kurz- und Kaufbesuch im Westen. Einige Städte wie Lübeck wurden wieder von Trabis überrollt. Zahlreiche DDR-Bürger hatten sich Urlaub genommen, um in Ruhe ihr Begrüßungsgeld abzuholen und einkaufen zu können.
Die DDR hatte gestern weitere Grenzgänge geöffnet, und der designierte neue DDR-Präsident Hans Modrow kündigte an, demnächst werde auch über eine Öffnung des Brandenburger Tores gesprochen. In einem Interview mit "Bild" lehnte Modrow jedoch den totalen Abriß der Mauer ab: "Im Moment haben wir daran überhaupt keinen Gedanken."
Mit sofortiger Wirkung hatte die DDR die seit 37 Jahren bestehende Sperrzone im Grenzgebiet zur Bundesrepublik geöffnet und erklärt: Dies sei "eine weitere Maßnahme im Interesse weiterer Erleichterungen für die DDR-Bürger". Diese könnten jetzt wieder ohne Kontrollen und Beschränkungen zur Grenze. Alle im Schutzstreifen liegenden Ortschaften, Ortsteile, Betriebe und Einrichtungen seien wieder frei zugänglich. Die Polizeikontrollen an den Zugängen zum Grenzgebiet würden eingestellt. Das Grenzkommando Küste wies jedoch in Bad Bramstedt darauf hin: Die DDR habe "nicht schlechthin die Grenze aufgehoben". Sie achte nach wie vor auf die Souveränität ihres Staatsgebietes.
Am Tag zuvor hatte die DDR den Schießbefehl aufgehoben. Er war im Mai 1982 in Kraft getreten und hat einer Schätzung nach mindestens 191 Menschen an der deutsch-deutschen Grenze das Leben gekostet. DDR-Verteidigungsminister Heinz Keber erklärte im Fernsehen, DDR-Grenzsoldaten hätten jetzt für den geordneten Ablauf des Grenzverkehrs zu sorgen, "und das alles ohne Gebrauch oder Einsatz von Schußwaffen."
Papst Johannes Paul II. hatte zum Auftakt einer Konferenz mit deutschen Bischöfen in Rom seine Solidarität mit der deutschen Bevölkerung bekundet. Angesichts der "tiefgreifenden Veränderungen" in Deutschland wünsche er, daß sich "die Hoffnung der Menschen in Gerechtigkeit, Freiheit und Brüderlichkeit" erfüllten.
Zwischen der Deutschen Bundesbahn und der DDR-Reichsbahn laufen Gespräche, bei denen über eine Verbesserung des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs auf der Schiene diskutiert wird. Noch in dieser Woche soll das Reiseangebot im Fernverkehr zwischen der DDR und der Bundesrepublik aufgestockt und ein neuer Übergang bei Mellrichstadt für die Strecke Stuttgart-Berlin geöffnet werden.
In Berlin gibt es jetzt insgesamt 16 Übergänge. Wie der Senatssprecher Kolhoff gestern erklärte, dürfen West-Berliner ab sofort mit Fahr- und Motorrädern nach Ost-Berlin und in die DDR fahren. Hessen hat seit Montag seinen 6. Grenzübergang. Die Bürger von Altenburschla (Werra-Meißner-Kreis) können wieder in die DDR-Nachbargemeinde Großburschla.
CSU-Generalsekretär Huber hat die DDR aufgefordert; weitere Grenzübergänge zu schaffen. Er sprach sich für die Abschaffung der Visapflicht aus. Die DDR müsse ihren Bürgern Devisen zur Verfügung stellen. In diesem Sinne äußerte sich auch Bundesfinanzminister Waigel. Er sprach sich gegen ein DDR-Notopfer aus. Die DDR könne mit ihren Devisenüberschüssen bei den Reisedevisen für ihre Bürger selbst einen entscheidenden Beitrag leisten.
Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth forderte, die Bundesrepublik müsse der DDR wirtschaftliche Hilfe leisten, um den demokratischen Prozeß in der DDR voranzutreiben. Sie appellierte an alle Parteien, den Streit in der Deutschlandpolitik zu beenden. "Ich kann nur den Wunsch und die Bitte aussprechen, daß wir dies schnellstens ausräumen und in dieser Stunde gemeinsam die Aufgabe anpacken, bei aller Unterschiedlichkeit, die es in der deutschen Frage gibt."