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Dienstag, 14. November 1989, S. 2
Das polnische kommunistische Parteiorgan schreibt: Man muß feststellen, daß zur Zeit niemand an gewaltsamen Änderungen interessiert ist, die die Lage im Zentrum Europas, mehr noch - auf dem ganzen Kontinent, stören könnte... Was die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten angeht, so muß über diese von ihnen selbst entschieden werden. Doch haben nicht nur die Großmächte, sondern praktisch alle Staaten unseres Kontinents dabei mitzureden. Die Teilung Deutschlands war eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Mit der praktisch erfolgten Liquidierung der Berliner Mauer ist ein Relikt des Kalten Krieges und der Teilung unseres Kontinents in Blöcke gefallen.
Financial Times
Die Londoner Wirtschaftszeitung bemerkt zum selben Thema: Nach den Ereignissen der vergangenen Woche ist es kaum vorstellbar, daß irgend etwas in der Mitte Europas noch so sein wird wie vorher. Aber es wäre gleichermaßen falsch zu glauben, daß eine neue Ordnung von der Bundesrepublik und von dem, was vom Ostdeutschen Staat übrig bleibt, allein geschaffen werden kann. Historisch gesehen liegt es in der Verantwortung der vier (Sieger-) Mächte, Deutschland in die internationale Gemeinschaft einzubinden. Keine dieser Verpflichtungen muß über die Köpfe des deutschen Volkes hinweg ausgeführt werden.
Der Bund
spricht von der Verantwortung, die mit der Entwicklung in der DDR auch auf Bonn zukommt: Vor der Bewährung steht jedoch auch Westdeutschland, das aufgerufen ist, in wahrhaft fortschrittlichem Geist die "deutsche Nation" dem Gesamtwohl Europas nicht voranzusetzen. Freiheit soll jetzt wirklich wichtiger sein als Einheit, selbst wenn diese nicht im voraus ausgeschlossen werden muß. Wer letzteres gefährden will, der zanke tüchtig und zerrrede sie. Die Entwicklung in der DDR eröffnet Chance und Gefahr zugleich, die "deutsche Frage" entweder zu lösen und damit Europas Frieden zu sichern - oder aber an dieser Frage zu scheitern und die Zukunft erneut zu gefährden.
France-Soir
Das Boulevardblatt beschreibt Konsequenzen für Frankreich: Die Ostdeutschen werden im Westen arbeiten und abends nach Hause zurückkehren... Der Zufluß von Arbeitskräften wird zur Entlassung der türkischen Arbeiter in der BRD führen. Und diese könnten dann zum Arbeiten nach Frankreich kommen... Wenn Michail Gorbatschow seine Truppen aus der DDR abzieht, werden die USA... möglicherweise einen Großteil ihrer Truppen nach Hause holen. Der Prozeß eines entmilitarisierten, finnlandisierten Mitteleuropas wäre im Gang. Das wäre ein großer Sieg für die Sowjets, und Frankreich fände sich an der Frontlinie zur Sowjetunion und ihren Verbündeten wieder.
NEUES DEUTSCHLAND
meint zur neuen Reiseregelung für DDR-Bürger: Die Regelungen sind eine souveräne Entscheidung des amtierenden Ministerrates der DDR... Die Entscheidung wurde, den Wünschen, Forderungen und Interessen der Menschen folgend, von unserer Partei und der Regierung getroffen. Mit ihr wurden auch schnelle Schlüsse gezogen aus der Halbherzigkeit und Unzulänglichkeit des Reisegesetz-Entwurfes vom 2. November... Viele praktische Fragen sind noch zu erörtern und zu klären. Zusammenarbeit steht also auf der Tagesordnung, nicht jene illusionäre Wiedervereinigung, bei deren bloßer Erwähnung einige Redner und die Handzettelwerfer der neonazistischischen Republikaner in West-Berlin ausgebuht wurden, und zwar von Leuten aus Ost und West. Dies ist die Stunde einer neuen Normalität. Keinesfalls die provokatorischer Störungen. Many practical issues about the new travel laws have yet to be resolved... cooperation is needed, not that illusionary unification propagated by neo-nazi republicans in West Berlin.
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-04-27 |