Höchster Kreisblatt, Dienstag, 14. November 1989, S. 3

Scan 'Wenn sich nach so vielen Jahren ein Gefängnis öffnet, reagiert man so'

Sehnsucht nach Einheit sitzt tief

Von Horst Zimmermann

Köln. - Den "orgiastischen Freudentaumel" nach der Öffnung der Grenzen durch die DDR hat der angesehene Kölner Psychologie-Professor Udo Undeutsch analysiert. Ergebnis: "Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit sitzt in uns allen tiefer, als Politiker und wir alle es bisher angenommen haben." Die Freude der DDR-Bürger sei verständlich: "Wenn sich nach so vielen Jahren ein Gefängnis öffnet, dann reagiert man so." Die Volksfeststimmung und die Tränen der Rührung bei den Bundesbürgern seien dagegen eine Überraschung.

Undeutsch: "Die Bundesbürger galten bis Freitag eher als national gefühlsarm, als cool und materialistisch. Man hatte sich damit abgefunden, daß durch Deutschland eine Grenze verläuft. Die Älteren schienen angesichts der Realitäten das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit verdrängt zu haben, die Jungen ohne dieses Bedürfnis aufgewachsen zu sein. Aber das war eine Fehleinschätzung."

Die letzten Stunden haben nach Ansicht von Undeutsch bewiesen, daß "die Sehnsucht nach Einheit in seelischen Tiefen verwurzelt war". Die Reaktion auf die Grenzöffnung sei auch deshalb so heftig ausgefallen, "weil wir bislang kaum freudige Urereignisse hatten": "Jede Gemeinschaft braucht aber gelegentlich einen Freudentaumel, das Bad in der Menge Gleichgesinnter, die Freude als gemeinsamen Nenner."

Bisher hatten die Deutschen "einen Defekt in Sachen Nationalgefühl": "Das seit Jahrzehnten bestehende Defizit hat die Entladung jetzt so heftig ausfallen lassen. Der Freudentaumel tut der Seele gut." Die vielen privaten und spontanen Hilfsaktionen der letzten Tage hätten gezeigt: "Dieses Gefühl ist so stark, daß die Bundesbürger angesichts der neuen Lage wohl auch zu Opfern bereit sein werden."

Undeutsch, der aus Weimar stammt, nahm an dem Freudentaumel nicht teil: "Ich freue mich natürlich, aber ich bin zu skeptisch. Ich möchte erst sicher sein, daß die Ereignisse nicht nur Teil eines gigantischen Beschwichtigungsmanövers sind."

Drei junge Ostberliner im Freudentaumel. Gina, Thomas und Nicole begießen mit einem Becher Kaffee die Öffnung des Überganges Wollankstraße.


  Frederik Ramm, 2001-04-27