Höchster Kreisblatt, Dienstag, 14. November 1989, S. 3

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'Ein wenig schäme ich mich'

Drei Redakteure unserer Zeitung haben vor mehr als dreißig Jahren die DDR verlassen. Die Arbeitsbedingungen waren unerträglich geworden. Damals gab es noch keine Mauer in Berlin. Ungehindert konnte jeder in die Westsektoren. An einen Interzonenpaß war schon schwerer heranzukommen. Was sie bewegte, als die Grenze durchlässig wurde, schildern sie ganz spontan.

Von Hans-Eberhard Teuchert

Als er umjubelt von der Millionenschar Ost-Berliner Demonstranten vom Aufbruch in den wahren Sozialismus sprach, erinnerte ich mich einer Begegnung vor acht Jahren. Gelassen hatte Stefan Heym bei einem Buchmesse-Empfang in Frankfurt meine Frage beantwortet, was er empfinde, dort, wo er zu leben wünsche, nicht gedruckt zu werden. Das sei zwar ärgerlich, meinte der in Ost-Berlin totgeschwiegene Autor, doch das werde sich ändern. Schließlich verändere sich alles im Lauf der Geschichte, warum nicht auch in der DDR. Fast hätte ich gegen ihn gewettet. Der Autor von "Schwarzenberg" und "Fünf Tage im Juni" war nur durch die Publizität seiner Bücher im Westen einer Haftstrafe entgangen. "Wie ich hier stehe, müßte ich eigentlich sitzen", kalauerte er im Frankfurter Hof. Denn das DDR-Strafgesetz bedrohte jeden, der ein Buch ohne Genehmigung außer Landes veröffentlichen ließ. Jetzt darf seine "Nachruf" betitelte Autobiographie auch in der DDR erscheinen. Heyms unbeirrbarer Optimismus in eigener Sache scheint recht behalten zu haben. Seine Vision von einem wahren Sozialismus in der DDR wage ich jedoch weiter zu bezweifeln. Pardon, Stefan Heym.

Von Günter Tilliger

Als ich die Nachrichten über die Ereignisse in Berlin und an der DDR-Grenze hörte, mußte ich spontan an den 17. Juni 1953 denken. Mit ein paar Freunden saß ich auf der Terrasse des "Italienischen Dörfchen" im Schatten der noch nicht wiederaufgebauten Semper-Oper in Dresden. Ein Tag, der mir unvergessen bleibt, nicht nur weil ich am 17. Juni Geburtstag habe und dieser Tag später zum nationalen Gedenktag wurde. Wir starrten gebannt auf die Dimitroffbrücke, über die ein unübersehbarer Strom demonstrierender Menschen kam. Die Abschaffung der hohen Arbeitsnormen forderten sie. Plötzlich das Rattern der Panzerketten auf dem Platz vor der Oper. Ein paar junge Leute kletterten auf die Panzer und riefen den Russen in ihrer Sprache "Freundschaft, Freundschaft" zu. Noch geschah nichts. Später hörten wir Schüsse. Gestern dachte ich, daß auch dieser Aufstand nicht umsonst war und sich Jahrzehnte später irgendwie auszahlte. Seit über 30 Jahren bin ich jetzt in der Bundesrepublik. Ein Vierteljahrhundert hat man mich nicht in die DDR hineingelassen. Jahrelang mußte ich an meinem Geburtstag immer an den Aufstand denken. Das wird sich wohl ändern.

Von Dieter Hoffmann

Seit 1957 lebe ich, ein Deutscher, im deutschen Exil, habe den Volksaufstand 1953 an Ort und Stelle erlebt, dann die Massenflucht in den fünfziger Jahren. Die gegenwärtigen Veränderungen hätte ich mir in dem mir noch zubemessenem Leben nicht mehr träumen lassen. Nun schwanke ich zwischen Optimismus und Pessimismus. Geht die freiheitliche Entwicklung weiter? Und was kommt danach? Vom Abbau des Schlechten bis zum Aufbau des Guten ist ein weiter Weg. Das allzu mild demütige Sachsentum und das verstockt bürokratische Preußentum haben Traditionen, die sich nicht in nichts auflösen werden. Die neue Reisefreiheit ist noch nicht genug, die gab es schon einmal, sogar zu Stalins finsteren Zeiten. Gerade der Jubel macht mir bewußt, wie gedemütigt der Ostteil Deutschlands über Jahrzehnte hin war, daß seine Bewohner den Rummel, der nun eingesetzt hat, nötig haben. Ein wenig schäme mich, daß ich nicht ausgeharrt habe, weil ich jetzt mithelfen könnte an der Umgestaltung meines armen geschundenen Landes. Mein Exil ist ein Niemandsland, das mich auch den Westen sehr kritisch sehen läßt. Der Egon Krenz erscheint mir wie ein Schlagersänger - auch das "gesamtdeutsch"?


  Frederik Ramm, 2001-04-27