,
Montag, 13. November 1989, S. 1
|
|
mh Berlin (Eigener Bericht) - Unter dem Jubel von Tausenden von Berlinern aus Ost und West ist am Sonntagmorgen - 28 Jahre nach dem Bau der Mauer - der Potsdamer Platz im Zentrum wieder für den Auto- und Fußgängerverkehr geöffnet worden. Dort, wo früher das Hauptstadt-Leben pulsierte, trafen sich Westberlins Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) und der Ostberliner Oberbürgermeister Erhard Krack direkt auf der Grenzlinie. Es war das erste offizielle Treffen eines Regierenden Bürgermeisters und eines Oberbürgermeisters von Ostberlin. Nach dem Mauerdurchbruch begrüßten sich beide mit einem Händedruck. "Ich freue mich über den historischen Augenblick", sagte Momper, "der Potsdamer Platz war das alte Herz Berlins. Es wird wieder schlagen wie früher." Auch Krack zeigte sich erfreut über das Treffen "an einem so besonderen Platz".
Momper und Krack sprachen kurz über die weitere praktische Zusammenarbeit. Momper kündigte an, daß es auf mehreren Ebenen der Verwaltung eine Kooperation zwischen West- und Ostberlin geben werde. Bereits am Samstag war der Westberliner Polizeipräsident Georg Schertz zu Gesprächen nach Ostberlin gefahren. Damit weilte zum erstenmal seit 41 Jahren ein Westberliner Polizeipräsident wieder im Ostteil der Stadt. Zwischen beiden Polizeipräsidenten wurde eine direkte Telephon- und Funkverbindung vereinbart, die noch in der Nacht zum Sonntag eingerichtet wurde. Auch sollen in Zukunft jeweils zwei Polizeioffiziere ausgetauscht werden, um den direkten Kontakt zu wahren.
Der Grenzübergang am Potsdamer Platz ist der fünfte, der seit Freitagabend freigegeben worden ist. Als erster neuer Übergang war am Freitagabend die Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Zehlendorf für den allgemeinen Verkehr freigegeben worden. Die Glienicker Brükcke, die von der DDR einst "Brücke der Einheit" genannt worden ist, durfte bisher nur von Angehörigen alliierten Streitkräfte und Diplomaten benutzt werden. Vier weitere innerstädtische Grenzübergänge wurden im Laufe des Samstags eröffnet. Am Montag und Dienstag sollen noch vier weitere Grenzübergänge hinzu kommen.
Zu einem Zwischenfall war es am Samstagmorgen vor dem Brandenburger Tor gekommen, als Demonstranten mit Spitzhacken ein drei Quadratmeter großes Stück aus der Mauer herausbrachen, das DDR-Grenzsoldaten später wieder einsetzten. Westberliner Polizei fuhr auf der Westseite mit Mannschaftswagen auf, um das Gelände vor dem Brandenburger Tor zu schützen. Krack und Momper mahnten die Bevölkerung während ihres Treffens am Potsdamer Platz zur Besonnenheit.
Auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker mahnte zur Besonnenheit. Im Rahmen eines Gottesdienstes in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche rief er zu einem "ernsthaften und verantwortlichen Gebrauch von Freiheit und Wahrheit" auf. Die Mauer werde nicht mehr sein, was sie einmal war, sagte der Bundespräsident in dem überfüllten Gotteshaus. Er appellierte an die Deutschen, angesichts der Öffnung der Grenzen auf Triumphgefühle zu verzichten. Weizsäcker meinte, der Westen dürfe "drüben nicht mit der Tür ins Haus fallen". Die Westmark müsse helfen, wo sie könne, aber das Materielle dürfe nicht überschätzt werden. Weizsäcker betrat am Mittag für wenige Augenblicke Ostberliner Boden. Nach seiner Rede war er zum Potsdamer Platz gefahren. Er ging zehn bis 15 Meter weit. Im Beisein Mompers sprach er kurz mit DDR-Grenzern und dankte für gute Zusammenarbeit.
Hunderttausende von DDR-Bürgern überfluteten am Wochenende die Straßen in der Innenstadt von Westberlin. Millionen nutzten die neue Reisefreiheit zu Besuchen in der Bundesrepublik. Die DDR-Behörden haben seit der Öffnung der Grenzen am Donnerstagabend bereits mehr als vier Millionen Visa erteilt. Von den Grenzübergängen wurden kilometerlange Staus gemeldet. Um den Andrang zu bewältigen, öffnete die DDR am Sonntag neue Übergänge. Die Autofahrer mußten mehrstündige Wartezeiten in Kauf nehmen. Vor dem Übergang im bayerischen Rudolphstein reichten die Autoschlangen am Samstagnachmittag 60 Kilometer weit in die DDR zurück. Nach ihrer Abfertigung, auf die sie trotz großzügiger Grenzbeamten teilweise sieben Stunden warten mußten, fuhren die DDR-Bürger zumeist in grenznahe Kleinstädte, aber auch zu Tausenden nach Hamburg, Frankfurt oder München. Die Ladenschlußzeiten wurden in Hessen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bayern ganz oder teilweise außer Kraft gesetzt. Das Bundesinnenministenum teilte am Sonntagmorgen mit, daß nur ein geringer Teil in der Bundesrepublik bleiben wolle.
Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht machte am Samstagabend überraschend einen Besuch in der DDR. Er benutzte den neuen Grenzübergang Eckertal bei Bad Harzburg und besuchte Stapelburg. Weder Albrecht noch seine Begleitung wurden kontrolliert.
Fahrzeuge aus dem anderen Teil Deutschlands prägten das Bild zahlreicher Städte. In Hof, das nur etwa 20 Minuten Autofahrzeit vom Übergang Rudolphstein entfernt ist, war der Andrang so stark, daß die gesamte Innenstadt aus Sicherheitsgründen für den Autoverkehr gesperrt und zur Fußgängerzone erklärt wurde. Der Ansturm auf Warenhäuser und kleinere Einzelhandelsgeschäfte fegte teilweise die Regale leer. Besonders gefragt waren bei den Kunden aus der DDR Phonogeräte wie Kassettenrecorder oder Walkmen, ferner Uhren und Schallplatten sowie Südfrüchte.