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Montag, 13. November 1989, S. 1
Wie wird sie wieder gefüllt? Sicher nicht dadurch, daß die DDR uns Bundesbürger unterprivilegiert, wie das zur Zeit geschieht. Der Berliner, Magdeburger oder Leipziger fährt mit einem blitzschnell erteilten Visum nach Wer-weiß-Wohin, aber wenn unsereins nach Erfurt, Dresden oder Schwerin will, heißt es, wie früher, lange auf ein Einreisevisum warten. An manchen Übergangsstellen wird zwar keines mehr verlangt, an anderen aber doch. Soll es dazu kommen, daß einer, der mal schnell zu Verwandten nach drüben will, sich von Besuchshelfern im Trabbi hinüberschmuggeln lassen muß?
Verkehrte Welt, wohin das Auge blickt! DDR-Offiziere bitten den Bundesgrenzschutz um etwas schnellere Abfertigung der Durchreisenden. Wer in die DDR will, muß, wie sich das gehört, Eintritt zahlen; wer in die Bundesrepublik reist, bekommt Geld. Jene, die immer dafür waren, der DDR nichts zu schenken, steigen mit der Spitzhacke auf die Mauer und stellen ihre Arbeitskraft unentgeltlich beim Abbruch zur Verfügung. Es sind große Tage, und alles ist anders als bisher. Deshalb wollen wir dem jungen Mann, der sich beim Abholen des Begrüßungsgeldes im Rathaus von Kassel "wie ein Bettler" vorkam, zurufen, er möge das nicht so eng sehen. In großen Zeiten muß man auch mal nehmen können. Wir tragen unsere Unterprivilegierung ja ebenfalls klaglos. Allerdings hoffen wir, daß sie nicht zu lange dauert und daß sich die DDR-Volkskammer mit dem neuen Reisegesetz beeilt, damit auch wir hinfort rasch und unbürokratisch ein Visum bekommen. In den vergangenen 28 Jahren waren die Landsleute in der DDR im Vergleich zu uns unendlich benachteiligt. Wenn sie jetzt für einige Zeit leichter in den anderen deutschen Staat reisen als wir, so sei ihnen das von Herzen gegönnt.
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-04-27 |