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Montag, 13. November 1989, S. 3
Berlin: Das dreitägige Volksfest der Freiheit
Von Michael Birnbaum und Marianne Heuwagen
Berlin, 12. November - Sonntagmorgen. Es ist kalt und diesig. Der dritte Tag nach der Öffnung der Mauer, und auch an diesem Morgen strömen die Menschen in Ostberlin Zu den Übergangen, um im Westteil der Stadt, auf dem zum gewaltigen Festplatz gewordenen Kurfürstendamm, die neue Freiheit zu genießen. Auch in der Leipziger Straße sammeln sie sich. Sie endet an der Mauer, dahinter breitet sich der Potsdamer Platz aus, einst der verkehrsreichste in ganz Europa, Symbol von Glanz und Größe der alten Reichshauptstadt, ein Platz, von dem Theodor Fontane einmal schrieb, dort sei "das meiste Leben. Und Leben ist nunmal das beste, das eine große Stadt hat". Am 17. Juni 1953 waren die Blicke der Welt auf ihn gerichtet. Er war Brennpunkt des Volksaufstandes. Menschen starben hier. Acht Jahre später starb auch der Platz selbst. Nach dem Bau der Mauer verwandelte er sich in eine Ödnis. Im Nachkriegsberlin war er in der Stadtplanung ausgespart worden. Man wollte sich die Möglichkeit erhalten, In einem einmal wiedervereinten Deutschland ein geeignetes Gelände für ein neues Regierungsviertel zu haben. Unzählige Touristen erlebten von einer auf der Westseite errichteten Plattform den Platz als offene Wunde dieser geteilten Stadt.
Aber nun wird er ein Symbol für das Fallen der politischen Barrieren. Schon um halb sechs Uhr morgens ist hier - ein großer Augenblick - das erste Stück Mauer gefallen. Um acht Uhr soll ein neuer Weg von Ost nach West geschaffen sein. Die Straße ist bereits notdürftig planiert worden. Zelte für die Grenzabfertigung sind aufgebaut. Ein Mann aus der Menschentraube steckt einem der DDR-Grenzer eine rote Nelke ins Knopfloch. Rund tausend Leute stehen schon da, warten, wollen die ersten sein, die über den Platz laufen können, der für sie 28 Jahre lang unerreichbar fern war. "Wir kommen gleich", schreit einer aus der Menge nach Westen. Dort, 400, 500 Meter weiter, warten ebenfalls Menschen. Manche sitzen auf der Mauer, gleich neben dem Durchbruch. "Wir werden gleich öffnen, bitte denken Sie daran, die Jungens hier sind eure Söhne, also gehen Sie langsam und ordentlich" mahnt ein Grenzoffizier, der sich auf einen Hocker vor der Mauer gestellt hat. Mit den Jungens meint er seine Truppen. Dann wird aufgemacht. Die ersten rennen los. Aber dann ist es eine ruhige Koldnne, die da hinüberwandert über den Platz, der einmal das Herz der Stadt gewesen ist.
Mit Blumen werden die DDR-Bürger im Westen begrüßt. Photographen und Reporter bestürmen die ersten Besucher derart, daß das Durchkommen durch die Menschentraube auf der Westseite der Mauer nur noch schwer möglich ist. Ein junger Mann breitet vor den Ostberlinern ein weißes Tuch aus, auf dem sie Westberliner Boden betreten sollen. Ein anderer hat einen ganzen Karton Orchideen mitgebracht, die er unter den Grenzpolizisten verteilt. Gemeinsam mit der Westberliner Polizei versuchen die DDR-Grenzer, Neugierige zurückzudrängen. Unter dem Beifall der Berliner auf beiden Seiten der Mauer treffen sich Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper und der Ostberliner Oberbürgermeister Erhard Krack. "Der Potsdamer Platz war das alte Herz Berlins; es wird wieder schlagen wie früher", ruft Momper aus. Sein Ostberliner Kollege, der zum erstenmal offiziell mit Momper zusammentrifft, spricht von einem wichtigen Datum in der geschichtlichen Entwicklung der Stadt - und schon bekommt er von der Umweltsenatorin Michaele Schreyer ein Buch über die bisherigen Planungen in diesem sogenannten zentralen Bereich überreicht.
Die Begegnung der beiden Stadtrepräsentanten findet nach Tagen statt, an denen auch auf ganz andere Weise Hand an die Mauer angelegt worden war. Nicht nur, daß immer wieder Westberliner versuchten, mit Pickern und Hämmern Stücke aus der Mauer als Andenken herauszubrechen. Am Brandenburger Tor gingen Demonstranten mit Vorschlaghämmern und Hacken gegen den Betonwall vor und schlugen ein Loch. Eine paradoxe Situation: Westberliner Polizei mußte die Mauer schützen. DDR-Grenztruppen schlossen später die Lücke wieder. "Hoffentlich", sagte eine aus Halle angereiste Frau, "machen uns die Westberliner mit ihrem Übermut jetzt nicht das kaputt, was wir mühsam durch unsere Demonstrationen erkämpft haben."
Seit Donnerstagabend kommt die Stadt nicht mehr zur Ruhe. Es sind nicht nur Berliner, die vorn einen Teil in den anderen wechseln. Schauplatz Checkpoint Charlie, Ostseite. Ein junger Mann strahlt: "Nee, ich bin aus Frankfurt. an der Oder, nicht Berlin." Mit dem Auto ist er bis zur S-Bahn-Station gefahren, dann mit der Bahn weiter hier zum Übergang. Eine halbe Stunde stehe er erst im Gedränge. Das ältere Ehepaar vor ihm in der Warteschlange kommt aus Thüringen. "Wir waren hier zu Besuch. Da geh'n wir auch gleich mal rüber. Wir wohnen bei uns daheim ganz nah an der Sperrzone. Hoffentlich ist die auch bald weg, und wir können da rüber."
Freude und gespannte Erwartung. Eine Berlinerin ruft: "Ick glob es erst, wenn icke drüben bin." Doch dann wehrt sie mit der Hand die eigene Ungläubigkeit ab: "Ist doch toll, das wollten wir doch immer." Aus einem jungen Mann in schwarzer Lederjacke sprudelt es heraus: "Meine Mutter kam ins Zimmer und hat es mir gesagt. Ich, gerade von der Nachtschicht, hab' mich geduscht, angezogen und los." Weiter vorne ein Ehepaar, zwei Mädchen an der Hand. Der Vater sagt: "Wir waren gestern schon drüben, heute zeigen wir's den Kindern."
In der Friedrichstraße kann man wie an den Tagen vorher durch das Vorzeigen von Paß oder Personalausweis über die Grenze. "Bitte die Lichtbildseite aufschlagen", sagt ein DDR-Beamter lächelnd. "Die sind ja so freundlich", tönt es aus der Menge zurück. Im Laufe des Vormittags bildet sich eine schier endlose Schlange, vier, fünf, sechs Häuserblocks weit die Leipziger Straße entlang, insgesamt mehr als zwei Kilometer. Dennoch geht es zunächst zügig. Ein halbe bis dreiviertel Stnnde, dann ist man drüben. Die meisten kommen mit Plastiktüten. Später am Vormittag ist die Menge der über die Grenze Drängenden so groß geworden, daß man eine Stunde oder länger warten muß, obwohl die Grenzer die Menschen durchwinken. Sogar mit einem westdeutschen Paß, sonst an diesem Übergang nicht möglich, kommt man heute rüber. Drüben stehen nun schon seit drei Tagen die Westberliner Spalier, klatschen, freuen sich mit. Bravorufe. Ausgelassene Stimmung. Die Menschen schauen sich in die Augen, freuen sich, auch ohne Worte zu wechseln.
Auch an der Ecke Friedrich-/Kochstraße im Westen ist alles voller Menschen. Wieder Schlangestehen. Der Straßenrand ist vollgeparkt mit Trabants und Wartbturgs. Die Bank an der Ecke hat das ganze Wochenende über geöffnet wie fast alle anderen Filialen, Sparkassen, Postämter. Hier gibt es die 100 Westmark Begrüßungsgeld, nur ein Formular ist auszufüllen. Ein Mann, Mitte Vierzig, steht verwirrt am Bordstein. "Ich muß mich erst einmal sammeln. Das ist alles ein bißchen viel. Ich weiß noch gar nicht, was ich machen will. Wissen Sie, wo ich einen Stadtplan herbekommne?"
Volksfeststimmung in Berlin
Am Wittenberger Platz im Schatten des KaDeWe, des berühmten Konsumtempels, drängen sich die Menschen vor den Imbißbuden. Die ganze Gegend um den Kudamm ist weiträumig für den Verkehr gesperrt. Die Menschen saugen sich voll mit Eindrükken. Vor und in den Geschäften, welche nach dem normalen Ladenschluß weiterhin geöffnet haben, stauen sich Schaulustige aus Ostberlin. Schuhgeschäfte, Jeansläden, Billigladenketten - alles voller Menschen. Ein Spätherbsttag mit angenehmen Temperaturen und klarem Sonnenschein. Der Kurfürstendamm ist schon immer eine riesige Promenade gewesen. Doch jetzt sind auch die Fahrbahnen überschwemmt mit Menschen: ein Meer wogender Köpfe. Glück, Ausgelassenheit. Zwei Männer stimmen an: "So ein Tag, so wunderschön wie heute..." und fallen sich in die Arme. "In Berlin, da is' Musike", singt ein Karnevalsverein am Fuße der Gedächtniskircbe zur Begleitung eines Schifferklaviers. An einzelnen Kiosken ist die Cola längst ausgegangen. "So was habe ich noch nicht erlebt", wundert sich ein Verkäufer.
Später am Abend Treffpunkt Brandenburger Tor: "Das schau ich mir jetzt, ätsch, von dieser Seite aus an", sagt einer." Tagsüber standen hier Grenztruppen auf der Mauer, Freitagnacht waren Randale. Tausende waren vom Westen aus auf den Wall gestiegen, hatten ein Pfeifkonzert veranstaltet und "Mauer weg" skandiert. Setzt schirmen Busse der Westberliner Polizei die Mauer ab- Es gibt auch Demonstrationen von Besonnenen. Sie stehen bis spät in die Nacht still mit brennenden Teelichtern in der Rand da. Eine Europafahne baumelt an einem Lichtmasten, Pappkartons mit der Aufschrift "Straße des 9. November" überdecken die Straßenschilder. Ab und zu geht ein Feuerwerkskörper zischend und krachend hoch. Entlang der Mauer stehen sich die Menschentrauben. Jahrmarktsstimmung am Potsdamer Platz. Schon hört man von drüben den Lärm der Dieselmotoren, Bagger und Bulldozer, welche die Mauer aufreißen sollen. Von der Aussichtsplattform kann man zwei Dutzend Grenzsoldaten erkennen, die mit Spitzhacke und Schau-feln sichtlich Mühe haben, die Betonsperren abzutragen. Durch handbreite Schlitze von fast einem Meter Höhe kann man durch die Mauer schauen.
In den Abendstunden an den Übergängen nach Osten wieder das Bild der über die Grenze drängenden Menschenmassen. Doch diesmal geht der Strom in die entgegengesetzte Richtung. Die Plastiktüten sind voll, der eine oder andere trägt auch ein Paket unterm Arm, meist Elektronikartikel, Radios oder Plattenspieler. Kartons mit Kartoffelchips werden geschleppt, Weichspüler, Cola, Anziehsachen oder Kleinigkeiten für die Kinder. "Bitte die Lichtbildseite aufschlagen", heißt es wieder wie beim Verlassen des Ostteils der Stadt am Morgen. Keine weiteren Formalitäten - einfach durch.
Am Checkpoint Charlie ist in der Dunkelheit noch mehr Stimmung aufgekommen. Jeder Wagen mit DDR-Kennzeichen, der nach Westen rüberkommt, wird jubelnd gefeiert. Eine Horde angetrunkener Jugendlicher klopft mit flachen Händen auf die Plastikkarosserien der Trabbis. Freude auch in den Wagen. Laut hupend wird die Grenze passiert. Einige, die zu Fuß kommen, reißen die Arme hoch - geschafft.
"Mit einem westdeutschen Paß können Sie hier nicht durch." Für westdeutsche Grenzgänger ist die Prozedur der Einreise so mühsam wie eh und je. Nur ein Dutzend will an der Prinzenstraße rüber, muß sich gesondert anstellen, den Paß abgeben. Nummern werden ausgegeben, scheinbar willkürlich werden die Einreisenden aufgerufen, Visagebühren müssen entrichtet werden, am Zwangsumtausch hat sich nichts geändert, die Zollkontrolle ist gleichgeblieben.
Nebenan ziehen Hunderte von Menschen einfach durch - die anderen, die mit den blauen Pässen der DDR. "Ick wollte das mir nur mal anschauen", sagt ein junger Mann. Wie war's? "Was soll ick sagen, überwältigend - aber irgendwie auch enttäuschend, so voll durch all die Leute. Jetzt will ick heim."
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