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Süddeutsche Zeitung, Montag, 13. November 1989, S. 5

Scan Auch ein kleiner Ort in Nordbayern erlebt am Wochenende einen historischen Augenblick

Die Luft ist voller Jubel

Von Christian Schneider

Hof, 12. November - Wer diese Szenen miterlebt, kann sich der unglaublichen Stimmung kaum entziehen: Jubelnde Menschen entlang der Autobahn, winkende Menschentrauben auch auf den Brücken, unter denen sich eine unendlich scheinende Trabi- und Wartburg-Kolonne in Zweierreihen dahinschiebt. Der Verkehr rollt in beiden Richtungen. Die Luft ist erfüllt von Bravo-Rufen und Klatschen, das von den Wagenlenkern mit einem ohrenbetäuben den Hupkonzert beantwortet wird. Seit drei Tagen geht das jetzt schon so, fast rund um die Uhr. Und noch immer können es die Menschen nicht fassen, ringen nach Worten, um sich von der Seele zu reden, was sie in diesen Augenblicken bewegt.

Seitdem die DDR in der Nacht zum Freitag ihre Grenzen nach Westen geöffnet hat, sind allein über den Autobahnübergang Rudolphstein-Hirschberg nach Schätzungen des Bundesgrenzschutzes bis Sonntagnachmittag rund 180 000 DDR-Bürger nach Nordbayern eingereist. Nur etwa 3000 von ihnen melden sich als Übersiedler, die meisten sind, vollbepackt mit Plastiktüten und Kartons, mittlerweile wieder nach Hause gefahren.

"Wir wollten bloß mal schauen", sagen die meisten mit Kind und Kegel angereisten Besucher aus dem anderen Teil Deutschlands. Um dieses Stück Freiheit zu schmecken, haben sie erhebliche Strapazen auf sich genommen. Nicht wenige sind 15 Stunden und länger unterwegs, ehe sie dann in Hof, Bayreuth oder auch Nürnberg total erschöpft aus ihren Autos klettern. Familie Opitz aus Karl-Marx-Stadt hat sich am Samstagmorgen nach vier Uhr kurzentschiossen auf den Weg gemacht. Schleichverkehr schon auf der völlig überlasteten Autobahn in der DDR, dann wegen des Massenandrangs sieben Stunden Wartezeit an der Grenze, an der aber zügig abgefertigt wird. Um 18.30 Uhr schließlich endet die Fahrt für die Familie Opitz auf dem überfüllten Großparkplatz vor der Freiheitshalle am Stadtrand von Hof. Nach dem Weg in die Innenstadt brauchen die Neuankömmlinge erst gar nicht zu fragen: Familie Opitz folgt einfach dem nach Tausenden zählenden Menschenstrom in Richtung Hofer Fußgängerzone.

Schon am Samstagmorgen, als sich die Besucherlawine ankündigt, muß die Polizei die Notbremse ziehen. Die. ganze Innenstadt von Hof wird zur Fußgängerzone erklärt, der über die City hereinbrechende Verkehr schon in den Außenbezirken abgefangen und auf provisorische Parkplätze geleitet. Wer will, kann kostenlos den eilends eingerichteten Pendelverkehr hinein in die Geschäftsmeile benutzen.

Doch ehe die Wochenendurlauber aus der DDR dem Kaufrausch verfallen, müssen sie erst einmal geduldig Schlange stehen, um das Begrüßungsgeld zu erhalten. Längst sind die Amtsstuben im Rathaus überfüllt, Schalter werden eigens auch im Postamt eingerichtet. Am Samstagmittag schließlich ist der Ansturm so groß, daß die Wartenden gebeten werden müssen, noch einmal in ihre Autos zu steigen und Gemeinden im Umland von Hof aufzusuchen, wo ebenfalls das Geld ausgezahlt wird. Das geht bis in die späten Abendstunden hinein, als die allermeisten Geschäfte, die ohnehin schon bis 18 Uhr geöffnet hatten, längst wieder geschlossen sind.

Die Region der Stunde

Da macht sich bei vielen schon Enttäuschung breit. Endlich am Ziel jahre1anger Träume und das begehrte Westgeld in der Hand und nun vor verschlossenen Ladentüren? Noch am Abend läßt das bayerische Innenministerium über Rundfunk wissen, daß die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet werden dürfen. Nicht nur Familie Opitz fällt da ein Stein vom Herzen.

Doch die Nacht ist lang und kalt in Hof. Weil das Begrüßungsgeld in Waren umgesetzt werden soll und die Hotels und Gaststätten für die Besucher unerschwinglich scheinen, verbringen viele der DDR-Gäste die Nacht entweder auf der Straße oder im Auto. Die Freiheitshalle in Hof, in der aus den Tagen der Prager "Botschaftsflüchtlinge" noch 400 Stockbetten stehen, mußte plötzlich 4000 Menschen beherbergen. Sie lagern, weil Decken oder Unterlagen nicht so schnell zu beschaffen sind, entweder auf dem blanken Boden oder dösen in den Klappsitzen auf den Ha11enrängen vor sich hin. "Mit dieser Entwicklung", so sagt Peter-Michael Tschoeppe vom Presseamt der Stadt Hof, "hat niemhand bei uns gerechnet."

Auch die Hofer Geschäftswelt wird von dem Ansturm überrollt. Schon am Samstagmorgen sind die Obststände auf dem Hofer Wochenmarkt leergekauft. Zeitschriftenhändler verzeichnen einen Umsatz wie nie zuvor, in den Plattengeschäften gehen die Oldies weg wie warme Semmeln. Lange Schlangen auch in den Kaufhäusern und Jeansgesehäften. Noch abends um 21 Uhr werden Süßwaren in den Läden gleich pfundweise verkauft. Juweliere und Uhrengeschäfte bieten "Okkasionen" an. Es ist die Stunde der Ladenhüter. Bereits am Samstagnachmittag müssen in Hof viele Geschäfte vorzeitig schließen, weil ihnen das Wechselgeld ausgegangen ist. Eine Privatbank tauscht bis in die späten Abendstunden hinein zum Kurs von 10:1 Ost- gegen Westmark. Lange Schlangen auch hier. Die nordbayerische Geschäftswelt, die seit Jahren über die wirtschaftlichen Nachteile ihrer Zonenrandlage klagt, profitiert plötzlich von der Nähe zur DDR. Wenn auch längst nicht alle DDR-Besucher ihr Besuchsgeld restlos ausgegeben haben werden - schließlich wollen sie ja wiederkommen - haben sie an diesem Wochenende doch rund 15 Millionen Mark ausgegeben. Für die einheimischen Geschäftsleute ein vorweggenommenes Weihnachtsfest. Helmut Jungbauer, Hauptgeschäftsführer der IHK Oberfranken, hat es schon tags zuvor auf den Punkt gebracht mit der Feststellung: "Oberfranken ist die Region der Stunde."

Die Hofer Bürger, deren Stadt seit 1987 eine Partnerschaft zu Plauen im Vogtland unterhält, zeigen sich von ihrer besten Seite. An vielen Haustüren hängen Zettel, auf denen die DDR-Besucher eingeladen werden, zu einem Kaffee in die Wohnung zu kommen. "Wir sind da, klingeln Sie bitte'', heißt es da . "Ich glaub', ich träume", hört man im dichten Gedränge auf der Straße immer wieder, "das kann doch alles nicht wahr sein." Und immer wieder auch das: Gesichter mit tränengefüllten Augen. Fragt man nach den ersten Eindrücken, dann kommt fast immer spontan die Bemerkung: "Sauber ist es hier." Andere sagen auf Reporterfragen: "Natürlich fahren wir wieder zurück, wir sind doch da drüben daheim."

An Mödlareuth allerdings, knapp 15 Killometer von Hof entfernt und unmittelbar an der Grenze zur DDR, scheint die Geschichte - vorerst wenigstens - noch vorbeizugehen. "Klein Berlin" heißt der kleine, aus nur wenigen Häusern bestehende Ort, der zur Gemeinde Töpen gehört. Diesen Namen verdankt Mödlareuth dem Umstand, daß es wie Berlin durch eine Mauer getrennt wurde. Rund 700 Meter lang ist der Wall im Tannbachgrund. Nirgends gibt es ein Anzeichen dafür, daß auch hier die Grenzsperre demnächst abgerissen wird. An diesem Wochenende ist Mödlareuth Ziel einiger DDR-Bürger, die sich den häßlichen Betonriegel vom Westen aus anschauen. Viele von ihnen haben die Grenzbefestigungen ihres Staates, weil sie nicht in das Sperrgebiet auf DDR-Seite durften, noch nie in ihrem Leben gesehen. Jetzt stehen sie stumm vor diesem Stein gewordenen Widersinn und schauen fassungslos hinüber in ihr Land. Noch kann von Normalität keine Rede sein.

Ein "historischer Augenblick" dann aber doch in dem nur wenige Kilometer entfernten Ullitz. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich am Sonntagmorgen in Hof die Nachricht, daß die DDR in Ullitz an der alten Bundesstraße 173 von Hof nach Plauen einen neuen Grenzübergang eröffnen will Seit 1946 war kurz hinter diesem Ort an der einst vielbefahrenen Handelsstraße die Welt zu Ende. Schon in der Nacht bekam die Polizeidirektion in Hof erste Hinweise, daß sich auf der anderen Seite der Grenze etwas tut. Kurz nach Mitternacht wurde es zur Gewißheit: Da rückte plötzlich ein Bautrupp der DDR-Grenzbehörden an, durchtrennte den Drahtzaun und begann, die Gräben zuzuschieben, mit denen die Straße jahrzehntelang unterbrochen war. Punkt neun Ubr am Sonntagmorgen waren die Arbeiten beendet, die Arbeiter rückten wieder ab. Schon eine halbe Stunde später rumpelten durch die Lücke im Zaun die ersten Trabis in Richtung Hof, begeistert begrüßt von den Menschen, die sich jubelnd und weinend in den Armen lagen. Kurze Zeit später war auch Bayerns Bundesrats- und Europaminister Georg von Waldenfels zur Stelle, der kurzentschlossen auf die Lücke im Zaun zustrebte, um die nur wenige Meter dahinter postierten DDR-Grenzsoldaten per Handschlag und mit einem freundlichen "Grüß Gott" zu begrüßen. Doch die waren über den unerwarteten Westgrenzgänger so verdattert, daß sie erschrocken das Weite suchten.

Bereits am Freitag hatte Waldenfeis versucht, ohne Visum, nur mit einem Reisepaß, am Grenzübergang Rudolphstein in die DDR zu gelangen. Aber am Freitag wie auch am Sonntag erwies sich die DDR-Grenze zumindest an dieser Stelle für dieses Vorhaben als unüberwindbar. Der Wunsch des Ministers, nur mal eben in der Partnerstadt Plauen zu Mittagessen zu gehen, wird von dem DDR-Grenzoffizier fast entschuldigend und nach mehrmaliger Rücksprache mit vorgesetzten Dienststellen abschlägig beschieden. "Wir sind noch nicht so weit", sagt der Mann, "bitte, haben Sie Verständnis für diese Entscheidung."


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