| [remote] [frederik] [kultur] [mauer] | [artikel] |
,
Montag, 13. November 1989, S. 5
Lübeck: 'Das hat das Volk gemacht'
Von Klaus Brill
Lübeck, 12. November - Wäre dies ein Tag wie jeder andere, man würde ihn als Störer empfinden, jenen leicht angetrunkenen Herrn, der da eben auf die Menschentraube zukommt und aus vollem Halse grölt: "Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder." Einige Gesichter wenden sich ihm zu, aber man läßt ihn gewähren "Es lebe Mecklenburg!", ruft er jetzt, und die Umstehenden lächeln. Nun ja, da will ihm wirklich keiner widersprechen. Hat er denn nicht recht in seinem Überschwang? "Heute ist der Tag X!" schreit der Mann, "ein historisches Datum deutscher Geschichte." Im Grunde empfinden sie es doch alle so, die sich da im unüberschaubaren Gewimmel der Fußgängerzone von Lübeck um die jungen Leute aus Rostock geschart haben und mit ihnen plauschen und diskutieren.
"Was hältst du denn vom Krenz?", fragt ein Lübecker den Hafenarbeiter aus Rostock. "Nichts", erwidert der. "Aber der hat doch allerhand gemacht jetzt", kommt es zurück. "Das Volk hat das gemacht" mischt sich ein älterer Herr ein. Und der Gast aus der DDR erzählt dann von den Demonstrationen in Rostock, bei denen es auch die Forderung nach Vereinigung der beiden deutschen Staaten gegeben habe und er seinen Haß auf die Stasi herausgebrüllt habe. "Die nächste Wahl - da wird der Krenz nicht mehr sein," sagt er. "Und so lange marschieren wir weiter."
"...noch nie gesehen"
Kein Mensch wird es je wissen, wieviel Gespräche dieser Art an diesem Wochenende auf den überfüllten Straßen der alten Hansestadt Lübeck und anderer Orte entlang der innerdeutschen Grenze geführt worden sind. Lübeck brummt wie ein Bienenkorb. Die Stadt ist erfüllt von einem Geist der Heiterkeit, der Ausgelassenheit, der Toleranz und der Brüder1ichkeit, den auch alteingesessene Bewohner noch nie erlebt haben. Es ist, als habe ein großer Magier die Stadt mit einem Zauberstab berührt und die Menschen in einen harmlosen, friedlichen Taumel versetzt. Wann hätten je zuvor die bekanntermaßen eher zurückhaltenden Lübecker sich schon an einem Sonntagvormittag im Bus einem allgemeinen eifrigen Geplauder hingegeben, wie dies eine Mitarbeiterin der städtischen Pressestelle erfahren hat? "So viele fröhliche Gesichter auch von Lübeckern habe ich noch nie gesehen", sagt sie.
Dabei hat der Ansturm der vielen tausend DDR-Bewohner, die nach der Öffnung der Grenzen an diesem Wochenende einen. Ausflug in die Hansestadt unternommen haben, Einwohner und Behörden vor Aufgaben gestellt, wie sie nie zuvor zu waren. Mehr als 50000 Gäste von drüben wurden bis zum Sonntagnachmittag gezählt. Der Senat handelte kurzentschlossen. Erst einmal erhielt die Polizei Anweisung, auf die Verteilung von Strafzetteln an all den falsch parkenden Autos aus Rostock, Schwerin oder Wismar zu verzichten. Und da für Deutsche jeglicher Staatsangehörigkeit Gleichheit vor dem Gesetze gilt, profitierten von diesem Großmut der Obrigkeit auch Bundesbürger, die aus anderen Teilen Norddeutschlands nach Lübeck gekommen waren, um dieses deutsche Fest des Volkes mitzuerleben.
Sodann rief die Stadtverwaltung ihre rief Bediensteten ins Rathaus. Da der Andrang der DDR-Bewohner alle Erwartungen übertraf, mußte man zusätzliche Anlaufstellen einrichten, um das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark auszuzahlen, das der Stadt vom Land und diesem vom Bund erstattet wird. Schon am Samstagvormittag indes ging der Stadtkasse das Bargeld aus, so daß sie sich genötigt sah, bei Kreditinstituten und Kaufhäusern Anleihen aufzunehmen. Bankangestellte wurden über Rundfunk zu ihren Arbeitsplätzen gerufen. Geldtransporter wurden geordert, zusätzliche Zahlstellen bei der Post und zwei Banken eingerichtet; das Zahlverfahren wurde drastisch vereinfacht. Eine Zahlstelle im Rathaus blieb auch über Nacht geöffnet.
Überdies sahen sich Behörden und Banken am Samstagmittag plötzlich mit zwei Damen und zwei Herren konfrontiert, die in einem Wartburg bei der Polizei vorfuhren. Sie präsentierten dort einen Koffer mit 700 000 Mark Inhalt und wünschten diese in Kleingeld zu wechseln. Es waren Vertreter von vier Filialen der DDR-Staatsbank. Den Behörden jenseits der Grenze mangelte es nämlich plötzlich an Zehn-Mark-Scheinen und Fünf-Mark-Stücken, bereitzuhalten für reisewillige Bürger, die exakt 15 Ostinark gegen 15 Westmark umtauschen können. Auch hier mußten Lübecker Banken und Kaufhäuser aushelfen. Wieder waren Geldtransporter vonnöten, und das Tauschgeschäft wurde dann in aller Heimlichkeit, geschützt vor Ganovenblicken, auf einem Hinterhofe abgewickelt. DDR-Bürger berichten, daß in der DDR an den Visa-Ausgabeste]Ien der Volkspolizei ein geradezu abenteuerliches Gedränge herrsche. Einer Frau aus Wismar gelang es nach eigenen Worten nur noch, durch ein Fenster aus dem Gebäude zu kommen. Viele verbrachten danach noch bis zu zwölf Stunden in jener Antoschlange, die sich, an die 40 Kilometer lang, trotz zügiger, ja freundlicher Abfertigung durch die DDR-Grenzer vor dem Übergang Lübeck-Schlutup bildete. Und zu den vielen Einmaligkeiten dieses Wochenendes gehörte, daß im Norddeutschen Rundfunk erstmals Verkehrshinweise über die Lage auf diesen Straßen in der DDR zu hören waren, dazu der freundliche Rat an DDR-Bürger: "In der Bundesrepublik ist es nicht erlaubt, bei roter Ampel rechts abzubiegen."
All dies nehmen die Gäste gelassen hin.
Fragt man sie nach ihren ersten Eindrücken, so wird unisono der Empfang durch die Bundesbürger als das Erlebnis genannt, das sie am stärksten mitgenommen hat. Fast alle haben sie offenbar gedacht, in Deutschland-West habe sich nach dem riesigen Zustrom von Übersiedlern in den vergarigenen Wochen ein Gefühl des Überdrusses breitgemacht. Um so mehr sind sie nun ergriffen, überwältigt bis zur Sprachlosigkeit davon, daß ihnen in Lübeck so viel Menschenfreundlichkeit entgegenschlägt.
Da stehen Tag und Nacht Hunderte, ja Tausende von Westdeutschen hinter der Grenzlinie in Lübeck-Schlutup, klopfen auf die Autodächer, umhalsen die Ankömmlinge, stecken Kindern Süßigkeiten und Obst zu, bringen Blumen und Sekt an, singen beim Eintreffen jedes einzelnen Autos: "Einer geht noch, einer geht noch rein." Dem jungen Hafenarbeiter aus Rostock, der mit Frau und Kindern im Auto sitzt, gibt ein Mann in Schlutup gleich einen Hundertmarkschein, wofür der Ankömmling sich mit einer Flasche original Nordhäuser Doppelkorn revanchiert. Ein Student aus Weimar und seine Freundin erhalten auf der Straße die spontane Einladung eines Lübeckers zur Übernachtung und zum Theaterbesuch. Bei der Stadtverwaltung sind nach einem Aufruf mehr freie Betten in Privatwohnungen gemeldet, als benötigt werden, und in der städtischen Pressestelle wird ein Baby gewickelt.
Tausendfach bricht sich eine Großzügigkeit Bahn, die in deutschen Landen bislang eher Seltenheitswert hatte. entschließt sich der Leiter einer Schlachterei, kostenlos sämtliche Buletten abzugeben, und zwar ohne den Inhaber und eigentlichen Chef vorher zu fragen. Da kreuzt am Ü-Wagen des Norddeutschen Rundfunks, der am Samstag fünf Stunden vom Lübecker Marktplatz sendet, eine Frau auf, die Biergutscheine im Wert von insgesamt 700 Mark verschenken will. Da spendiert der Wirt des Ratskellers 600 Liter Freibier und nimmt für eine Weile Ostmark als Zahlungsmittel an, zum Kurs von eins zu eins. Und niemand wird je wissen, wieviele Lübecker an diesem Wochenende wievielen DDR-Bürgern wieviele Biere ausgegeben und wieviele Zehn-und Zwanzig-Mark-Scheine zugesteckt haben.
Kaufhäuser und Geschäfte sind dank einer Sondererlaubnis des Senats der Hansestadt am Samstag bis zum Abend geöffnet, manche auch am Sonntag. Zu Tausenden stehen die DDR-Bürger vor den Auslagen und Wühltischen, erstaunt und erschrocken über das Schlaraffia der kapitalistischen Warenwelt. Ein paar Schuhe, hier 49 Mark teuer, habe sie drüben, genau dieselben, für 133 Mark gesehen, sagt eine Frau aus dem Orte Lüz in Mecklenburg. Sie kauft nicht. Wie viele andere will sie erst mal vergleichen und in all dem Überfluß sondieren, wie das Begrüßungsgeld am besten angelegt ist "Die Leute sind schlicht erschlagen," meint der Geschättsführer eines Warenhauses.
"Unglaubliche Perspektive"
Für ihn wie für andere Vertreter der Wirtschaft und der Stadt eröffnet dieses Wochenende für die Zukunft "eine unglaubliche Perspektive", wie der Senator Klaus Prock meint. Lübeck mit seinen 210 00 Einwohnern ist nach Berlin die größte der Städte, die direkt an der Schnittlinie von Ost und West gelegen sind. Die deutsche Teilung hat Lübeck vor vier Jahrzehnten ihres Hinterlands in Mecklenburg beraubt - und jetzt plötzlich könnte das über Nacht alles wieder anders werden. Nicht nur ökonomisch steht der Stadt ein Aufschwung ungeahnten Ausmaßes bevor. "Sie wird ein neues Selbstverständrns entwickeln müssen," meint Bürgermeister Michael Bouteiller.
Anderswo ist Ähnliches in Sicht In Mustin, einem kleinen Ort bei Ratzeburg, südlich von Lübeck gelegen, wurde am Sonntagntachmittag ein weiterer Grenzübergang eröffnet. Bausoldaten der DDR hatten in der Nacht zuvor mit Kränen und Bulldozern den Metallgitterzaun niedergerissen und die seit Kriegsende unterbrochene Straße neu geteert. Nicht weit entfernt davon entdeckte ein dpa-Reporter einen Wegweiser mit der Aufschrift "Schwerin 50 Kilometer", darunter ein handgemaltes Pappschild, auf dem zu lesen ist: "Nu geiht dat los."
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-05-06 |