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Montag, 13. November 1989, S. 6
Bonn (ddp/AP) - Verschiedene Verbände in der Bundesrepublik haben am Wochenende in Bonn zu Hilfemaßnahmen für Bürger in der DDR sowie für DDR-Übersiedler aufgerufen. Der Präsident des Bundes der Mitteldeutschen (BMD), der CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Wilz, wünschte eine rasche Hilfeaktion für die Deutschen in der DDR, um den Ausreisestrom aus der DDR zu stoppen. Bundesbürger sollten Geld spenden, mehr Pakete versenden und häufiger zu Besuchen in die DDR reisen. Zudem sollten Institutionen, politische Gruppen und Parteien den Kontakt zu entsprechenden Partnern in der DDR herstellen oder intensivieren. Auch müßten Zollregelungen gefunden werden, die eine schnelle Einfuhr von benötigten Gütern in die DDR ermöglichten, erklärte Wilz.
Die Ärztevereinigung Hartmannbund appellierte an alle Ärztinnen und Ärzte in der Bundesrepublik, ihren 37 000 Kolleginnen und Kollegen in der DDR bei der Versorgung ihrer Patienten zu helfen. Durch finanzielle Hilfen solle der Mangel an Medikamenten, Instrumenten, Geräten und Fachbüchern in die DDR behoben werden. Ein Einsatz bundesdeutscher Mediziner zur Behebung der Personalengpässe im DDR-Gesundheitswesen ist nach den Worten des Präsidenten der Bundesärztekammer, Fritz Vilmar, unter bestimmten Bedingungen durchaus möglich. In einem ddp-Gespräch nannte es Vilmar absurd, daß die Menschen in der DDR unter einer medizinischen Unterversorgung litten, während in der Bundesrepublik Ärzte arbeitslos seien. Voraussetzung für eine Entsendung bundesdeutscher Ärzte müsse sein, daß die DDR "völlige Reisefreiheit und Unabhängigkeit der ärztlichen Entscheidung" garantiere. Auch finanzielle, rechtliche und versicherungstechnische Fragen müßten noch geklärt werden. Man könne den bundesdeutschen Medizinern allerdings nicht zumuten, unter den Bedingungen zu arbeiten, die die ostdeutschen Ärzte aus ihrem Land getrieben hätten.
Ruhrbischof Kardinal Franz Hengsbach rief dazu auf, Wohnraum und Arbeit mit DDR-Übersiedlern und mit Aussiedlern zu teilen. Bei einer Veranstaltung des Bistums Essen sagte er, es sei jetzt "nicht die Zeit für große Reden oder für Debatten über Konzepte und Programme, die erst in einigen Jahren wirksam" würden. "Es ist die Zeit des Teilens gekommen", verkündete der Kardinal und forderte die Bundesbürger dazu auf, neben Wohnraum und Arbeit auch Ausbildungs- und Kindergartenplätze zu teilen.
Der Deutsche Landfrauenverband (DLV) rief alle Frauen und Familien im ländlichen Raum auf, kurzfristig Wohnraum für Übersiedler aus der DDR bereitzustellen. Insbesondere die Bäuerinnen, die "Urlaub auf dem Bauernhof" anböten, sollten prüfen, ob gerade Familien mit kleinen Kindern übergangsweise Gästezimmer zur Verfügung gestellt werden können. Auch die Katholische Landvolkbewegung (KLB) appellierte an die Bewohner des ländlichen Raums, Wohnraum anzubieten.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth hat davor gewarnt, sich in das Geschehen in der DDR "einzumischen". In den Stuttgarter Nachrichten vertrat Späth die Auffassung, jetzt seien die Bürger der DDR am Zuge. "Sie müssen entscheiden, was sie wollen", sagte der CDU-Politiker. Er zeigte sich davon überzeugt, daß die Mehrheit der DDR-Bürger eine Wiedervereinigung im Sinne eines reinen "Anschlusses" an die Bundesrepublik nicht wünsche. Grundsätzlich forderte der Ministerpräsident intensive Gespräche und Sondierungen mit den westlichen Verbündeten, aber auch mit den Nachbarn in Osteuropa. Die Lösung der gesamtdeutschen Frage sei nur in einem "europäischen Kontext" möglich. Bonn müsse alles daransetzen, "jetzt nicht unsere Nachbarn in Ost und West zu erschrecken".
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Egon Bahr erwartet, daß es in der DDR wirklich freie Wahlen nach westlichem Vörbild geben wird. Etwas anderes würde sich die Bevölkerung nicht mehr bieten lassen, erklärte Bahr dem Berliner RIAS. Er äußerte ferner die Ansicht, das Machtmonopol der SED sei schon aufgehoben. Es wäre eigentlich nur noch eine bürokratische Änderung, den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung zu nehmen. Zur Rolle der Bundesrepublik in der gegenwärtigen Situation erklärte Bahr, man müsse bereit sein, der DDR und ihren Menschen bei einem schnellen Aufbau zu helfen, damit sich dort der Lebensstandard hebe. Dabei ging er von einer weiteren Zweistaatlichkeit Deutschlands aus.
Der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende, Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, kündigte unterdessen Kontakte zur neuen Führung der Ost-CDU an. Nachdem deren neuer Vorsitzender Lothar de Maiziere den Führungsanspruch der SED in Frage gestellt und freie, geheime, allgemeine und gleiche Wahlen gefordert habe, bestehe die konkrete Hoffnung, daß sich die Ost-CDU endlich aus der Gefangenschaft der SED befreien werde, erklärte Blüm. Die Bonner CDU lehnt offizielle Kontakte zur Ostpartei bislang ab.
CSU-Generalsekretär Erwin Huber hält bei der Frage über eine Wiedervereinigung Deutschlands einen Volksentscheid für notwendig. Huber sagte dem ddp, eine Frage von solcher "historischer Dimension wie die staatliche Ordnung Deutschlands" könne nicht von gewählten Repräsentanten entschieden werden. Fest stehe, daß am Tage des Volksentscheids das Grundgesetz ungültig werde.
Der Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen, Herbert Koschyk, plädierte vor den Sudetendeutschen angesichts der jüngsten Entwicklung in der DDR gegen "Denkverbote in Hinblick auf eine Wiedervereinigung Deutschlands". Wer jetzt dazu rate, nicht über Möglichkeiten zur Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands zu sprechen, während die ganze Welt von der Wiedervereinigung rede, der mache sich lächerlich. Koschyk äußerte die Überzeugung, daß bei Parteienvielfalt und Meinungspluralismus in der DDR die neu im Entstehen begriffenen politischen Parteien die Wiedervereinigung in ihr Programm aufnehmen würden, weil dies dem Willen der Mehrheit der Deutschen dort entspreche.