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Montag, 13. November 1989, S. 1
FRITZ WIRTH, Washington "Schaut auf das Herz Europas, schaut auf Berlin, und Ihr werdet eine Wahrheit entdecken, die von Tag zu Tag klarer durchscheint: der Drang zur Freiheit ist stärker als Stahl und dauerhafter als Beton". Dieser Satz des amerikanischen Präsidenten George Bush vor Kriegsveteranen in Dallas (Texas) macht deutlich, daß die zunächst zurückhaltende Reaktion der amerikanischen Regierung auf die Vorgänge in Ost-Berlin einem neuen Enthusiasmus und politischer Genugtuung gewichen ist.
"Wenn die achtziger Jahre das Jahrzehnt der amerikanischen Erneuerung waren, dann werden die neunziger das Jahrzehnt der Demokratie sein", erklärte Bush, der allerdings der Frage eines spontanen Berlin-Besuchs zunächst auswich. Er will offensichtlich nicht durch einen Besuch Emotionen anheizen, die in Moskau mißverstanden werden oder gar irgendwann umkippen könnten. "Ich möchte gern nach Berlin zurückkehren, und die Mauern abgerissen und nicht nur durchlöchert sehen", sagte er, und ließ wissen, daß er nicht die Absicht habe, seine bevorstehende Reise zum Gipfeltreffen mit Gorbatschow im Mittelmeer mit einem Berlin-Besuch zu verbinden. Er fügte jedoch hinzu: "Es sei denn, daß sich in der Zwischenzeit etwas ereignet, das die Präsenz des US-Präsidenten zu einem Katalysator für Frieden und für die Entwicklung der Demokratie machen könnte". Außenminister Baker schloß für die fernere Zukunft ein Treffen zwischen Bush und Egon Krenz nicht aus. Zur Stunde jedoch sei die Zeit dafür aber noch nicht gekommen.
Bush hatte am Freitag einen Brief Gorbatschows zur neuen Situation in der DDR erhalten, in dem er seine Hoffnung ausdrückt, daß die Situation in der DDR "ruhig und friedlich" bleibe. Gorbatschow betonte ferner, daß er die Offnung der Grenzen durch die neue Führung in Ost-Berlin begrüße und unterstütze.
Bush und Baker unterstrichen, daß der bevorstehende Gipfel durch die jüngsten Ereignisse in der DDR eine neue Bedeutung erhalten hat. "Sie werden nun an oberster Stelle auf der Tagesordnung stehen", sagte Baker, "doch nicht in einer Art, die den Schluß zuließe, daß hier die beiden Supermächte zusammensitzen und über das Schicksal der osteuropäischen Nationen entscheiden."
Im Pentagon, wo man bisher stets auf die unveränderten militärischen Kapazitäten des Ostens hingewiesen hatte, beginnt man jetzt von einer "Revision der militärischen Rolle der Nato" zu sprechen. Allerdings warnte Verteidigungsminister Cheney dabei vor zu großer Eile.
Es ist nicht zu übersehen, daß sowohl Bundeskanzler Kohl wie Außenminister Genscher in den letzten Wochen in Washington erheblich an Statur gewonnen haben. Bonn ist zur ersten Adresse der USA in Europa geworden. Das Wort Bushs bei seinem letzten Deutschlandbesuch von der "neuen Partnerschaft" ist Wirklichkeit geworden und hat die erste große Bewährungsprobe bestanden. Kohl und Genscher führten am Wochenende ausführliche Telefongespräche mit Bush und Baker, in denen sie übereinstimmend die gleiche Botschaft äußerten: "Wir möchten schlicht Ihnen und dem amerikanischen Volk danken für alles, was Amerika für Deutschland und besonders für Berlin getan hat."
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-05-06 |