[remote] [frederik] [kultur] [mauer] [artikel]

Die Welt, Montag, 13. November 1989, S. 4

Scan

Überall gilt jetzt die Devise, unbürokratisch zu helfen

In Mustin, wenige Kilometer östlich von Ratzeburg, hat die DDR am Sonntag mittag einen neuen Grenzübergang geöffnet. Die Landstraße nach Gadebusch, nach Kriegsende zunächst gesperrt, dann unterbrochen und endgültig zur Sackgasse geworden, als Ulbricht und Honecker nach dem 13. August 1961 die Grenze "fluchtsicher" zu machen befahlen, ist wieder, was sie einmal war - eine der Verbindungen zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg.

Noch in der Nacht zum Sonntag ließen die DDR-Behörden in Gadebusch Straßenbauarbeiter aus den Betten holen, rückten NVA-Pioniere mit Kränen und Bulldozern an und rissen den Mettallgitterzaun auf. Die beiden ersten DDR-Besucher, die den neuen Übergang gestern kurz nach 13 Uhr zur Einreise in die Bundesrepublik benutzten, waren zwei junge Männer auf einem Moped - sozusagen die "Vorhut" einer 16 Kilometer langen Karawane aus "Trabis", "Ladas" und "Wartburgs", die sich in den Vormittagsstunden auf östlicher Seite gebildet hatte.

Hatte sich das NDR-Verkehrsstudio mit Staumeldungen bisher nur auf Bereiche diesseits der Zonengrenze beschränkt, wurde der Beobachtungsraum am Wochenende beträchtlich erweitert. Nachrichten weit aus Mecklenburg gingen in kurzen Zeitabständen über den Hamburger Sender. "Der Stau vor dem Übergang Selmsdoff/Schlutup reicht bis nach Wismar", wurde etwa gemeldet, immerhin stattliche 46 Kilometer. Aber auch diese Information: "Achtung DDR-Besucher: In der Bundesrepublik ist das Rechtsabbiegen bei roter Ampel nicht gestattet."

Schon am Samstag mittag war der Lübecker Stadtverwaltung angesichts des unerwarteten Ansturms von DDR-Besuchern das Bargeld ausgegangen. Mehrere Banken und Handelshäuser der Hansestadt mußten kurzfristig und unbürokratisch einspringen, um die weitere Auszahlung des Begrüßungsgeldes zu ermöglichen.

Während die Stadtverwaltung noch damit beschäfigt war, den nötigen Nachschub für das Begrüßungsgeld aufzutreiben, meldete sich bei der Polizei-Einsatzentrale im Rathaus ein Zivilist und wies sich als Mitarbeiter der DDR-Staatsbank aus. In einem Aktenkoffer hatte er - ordentlich gebündelt - 700 000 Mark der Deutschen Bundesbank bei sich. Die verdutzten Lübecker Beamten wurden von dem Ost-Banker gebeten, die großen Scheine in kleine zu wechsein und auch Fünf-Mark-Stücke einzutauschen. Nebenbei ließ der Abgesandte der DDR-Staatsbank durchblicken, seine Mission stehe in direktem Zusammenhang mit der Reisewelle. Denn für Besuche in der Bundesrepublik hat jeder DDR-Bürger ein Anrecht darauf, am Grenzschalter der Staatsbank 15 Mark seiner Währung im Verhältnis 1:1 umzutauschen. Dafür brauchte er passendes Kleingeld.


[deutsch] [english] [about] [contact]   Frederik Ramm, 2001-05-06