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Montag, 13. November 1989, S. 4
An der Straße, die wieder zu einer Hauptschlagader Deutschlands geworden ist, standen am Wochenende viele Hessen am Grenzübergang Herleshausen mit thüringischen Besuchern und genossen im Sonnenschein den Fernblick hinüber bis zur Wartburg bei Eisenach.
Der Weg, der hier am Grenzfluß Werra Jahrhunderte deutscher Geschichte dokumentiert, bleibt jedoch für die Einheimischen in den hessischen Grenzdörfern vorerst Einbahnstraße. Eisenach, nur 14 Kilometer entfernter einstiger geografischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt der Menschen auf der Westseite der Werra, ist für eine Stippvisite ohne langfristige Visa-Anträge nicht erreichbar. Die Leute warten darauf, daß sich das "Tor nach Thüringen" in Herleshausen öffnet.
Das fast l000jährige Dorf, das im eigentlichen "Herzen Deutschlands" liegt, geriet nach dem Krieg nur zweimal in die Schlagzeilen: 20 000 deutsche Kriegsgefangene verließen hier Mitte der fünfziger Jahre die Transportzüge aus Rußland und zogen über die Landstraße ins Lager Friedland. Das zweite Ereignis war dagegen nur eine Fußnote der Zeitgeschichte. An diesem Grenzübergang, von Russen und Amerikanern 1945 zum einzigen in Hessen bestimmt, wurde 1981 Kanzleramtsspion Günter Guillaume ausgetauscht.
Es sind nicht nur Einwohner aus dem Bezirk Erfurt - Autokennzeichen "L" - die hier in den letzten Tagen rund um die Uhr "Bargeldhilfe", wie das Begrüßungsgeld amtlich bezeichnet wird, erhielten. Über Herleshausen führt der Weg nach Bad Hersfeld, Fulda, Frankfurt und Kassel. Daß sich die Kolonnen der Trabis und Wartburgs bis weit hinter Eisenach auf östlicher Seite stauten, gehörte zu den Folgen einer Weigerung der DDR-Führung noch unter Walter Ulbricht, die alte Autobahntrasse, die auf westlicher Seite einige Kilometer wieder über DDR-Gebiet führt, auszubauen. Das Nadelöhr sollte nun die längste Zeit die Fahrt zwischen Frankfurt am Main und Berlin behindert haben, wenn die Verkehrsfachleute aus Ost und West die Engpässe aus dem Weg räumen.
An erster Stelle der Dringlichkeitsliste steht jedoch die Autobahn Berlin-Magdeburg-Hannover. Der Autowurm, der von Samstag Mitternacht an zunächst Richtung Niedersachsen im stop and go kroch und vom Sonntagnachmittag an heimwärts aus dem Westen in die DDR, gibt dem schnellen Transitverkehr zwischen West-Berlin und dem übrigen Bundesgebiet keine Chance. Von nun an werden viele Autofahrer aus der DDR Wochenenden, aber auch freie Tage in der Woche, für Ausflüge und Besuche von Verwandten und Bekannten im Westen benutzen. Westdeutsche, die um ein Uhr morgens West-Berlin verlassen hatten, kamen nach acht Stunden in Helmstedt an; wer im Morgengrauen aufbrach, geriet bereits vor der Elbe in einen bis zu 60 Kilometer anschwellenden Stau. Am Rand der Autobahn häuften sich havarierte Trabis, aber auch West-Autos, deren Fahrer vergeblich auf Pannenhilfe warteten.
Auf den von nun an vereinigten westöstlichen Autostrom ist jedoch die Strecke - die kürzeste Verbindung von und nach Berlin - nicht eingerichtet worden. Die durchweg zweispurige Autobahn war seit der Grenzziehung nicht für den Touristenverkehr aus der DDR gedacht.
Was werden die Verantwortlichen in Ost und West tun? DDR-Fahrer, die ihre Freizeit künftig nicht im Stau verbringen möchten, denken bereits an "Huckepack"-Züge von Magdeburg nach Helmstedt.
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