| [remote] [frederik] [kultur] [mauer] | [artikel] |
,
Montag, 13. November 1989, S. 4
Es ist vieles ungewöhnlich in diesen Tagen in Berlin. Was vor wenigen Tagen noch undenkbar und über Jahrzehnte nicht möglich war, passierte am späten Samstagnachmittag am "Checkpoint Charlie", dem inzwischen auch für Normalbürger aus der DDR geöffneten Ausländerübergang in der Friedrichstraße: die Begegnung zwischen dem Westberliner Polizeipräsidenten Georg Scherz und Volksarmee-Oberst Günter Leo. Er ist stelivertretender Kommandeur des für den innerstädtischen Bereich zustandigen Ostberliner "Grenzkommandos Mitte".
Ost-Berlin hatte um das Treffen gebeten. Nicht allein wegen der Vorgänge am Brandenburger Tor, sondern auch zur Aufnahme von ständigen Kontakten der Polizei in allen Fragen, die sich mit den Besucherströmen ergeben. Scherz und Leo vereinbarten den Austausch von Informationen, um bei besonderen Situationen gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen. Bereits in der Nacht zum Sonntag wurden eine direkte Telefon- und eine direkte Fernschreibverbindung zwischen den Polizeizentralen in beiden Teilen eingerichtet.
Verhandelt wird noch über den Austausch von je zwei Polizeioffizieren. Die aus West-Berlin würden direkt im Ost-Polizeipräsidium sitzen, die aus Ost-Berlin in der Westberliner Zentrale am Flughafen Tempelhof. Aber darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
An der "Basis", an den Grenzübergängen, funktioniert die Zusammenarbeit schon seit der Nacht zum Freitag hervorragend. Szenen, daß Grenzsoldaten und Westberliner Polizisten Seite an Seite bemüht sind, den Menschenstrom zu regulieren, sind fast schon Alltag.
Werden die Ost-Grepos mit Kaffee versorgt, reichen sie die Becher an die West-Kollegen weiter. Die wiederum teilen sich auch schon mal den Sekt, den Bürger an die Grenze bringen. "Wir haben das gemeinsame Interesse, diese außergewöhnliche Situation zu bewältigen", sagt ein Grepo-Hauptmann an der Invalidenstraße zur "guten" Zusammenarbeit mit den Westberliner Polizei-Kollegen.
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-04-27 |