Die Welt, Montag, 13. November 1989, S. 4

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DDR-Reichsbahn setzt Sonderzüge nach West-Berlin ein

D. Dose/H. R. Karutz, Berlin

"Deutschland, Deutschland über alles" - die erste Strophe - sangen sie, als sie sich auf dem Ostberliner Bahnhof Lichtenberg - dort kommen die meisten Fernzüge an - in den schon überfüllten S-Bahnzug drängten. Junge Leute, gerade nach stundenlanger Zugfahrt aus Rostock oder Halle eingetroffen. Ihr Ziel - die Friedrichstraße oder ein anderer Grenzübergang. Von Lichtenberg sind es noch acht Stationen, knapp 15 Minuten, bis zur Friedrichstraße.

Die Züge aus der "Provinz" trafen so überfüllt ein, daß sich die DDR-Reichsbahn am Samstag nachmittag entschloß, Sonderzüge in Richtung Ost-Berlin einzusetzen, weil noch Zehntausende nach West-Berlin wollten. "Auf den Bahnhöfen unterwegs kamen viele nicht mehr mit, schon bei der Abfahrt in Leipzig war kein Platz mehr frei", berichten Ankommende.

Ost-Berlin an diesem Wochenende. Abseits der Grenzübergänge waren die Straßen fast menschenleer, fast eine Geisterstadt. Je näher man aber zu den Übergängen kam, um so voller wurde es. Mittelstreifen und Gehwege zugeparkt mit Autos - längst hatte es die Vopo aufgegeben, Strafzettel auszustellen.

Kilometerlang die Schlangen an den für Autos durchlässigen Übergängen, unbeschreiblich die Menschentrauben der Fußgänger. Beeindruckend aber war nicht nur die Disziplin der Wartenden, manche stundenlang, obwohl die "Grenzorgane" zügig abfertigten. "Die Republik macht rüber", sagte ein Stahlarbeiter aus Riesa. Mit Frau und zwei Kindern, eines davon noch im Kinderwagen, drängelte er sich durch die Menschenmassen am Bahnhof Friedrichstraße in Richtung U-Bahn - westwärts.

Chaos in Ost und West, besonders am Samstag, aber geduldig wurde es ertragen, auch als zeitweise in West-Berlin auf zwei U-Bahnlinien der Verkehr zusammengebrochen war und sich dadurch Staus bis auf die Straßen im Osten ergaben. Die ganze Nacht wälzten sich die Menschenmassen hin und her, und es gab an den Grenzübergängen Phasen, da ließen die Grenzpolizisten (Grepos) die Leute einfach durch. Ausweis, Paß, Visa - keiner fragte dann danach. "Es klappt eigentlich ganz gut", sagte der Regierende Bürgermeister, Momper, am Vormittag in einer ARD-Sondersendung vor der Berliner Gedächtniskirche. Die Berliner Verkehrs-Betriebe BVG hätten sich gut auf die Lage eingestellt, auch die Auszahlung des Begrüßungsgeldes durch Banken und Sparkassen funktioniere.

Schulklassen treffen sich an der Gedächtniskirche

So war es Samstag, so auch gestern. "Ich habe hier schon meine halbe Klasse getroffen", berichtete am Samstagabend ein Lehrer aus dem Ostberliner Bezirk Weißensee im Europa-Center an der Gedächtniskirche. "Manche waren allein, manche mit ihren Eltern." Und auf der westlichen Seite der Friedrichstraße wollte es eine Frau ihrem Mann einfach nicht glauben, daß sie - zum ersten Mal in ihrem Leben - in West-Berlin ist, nachdem sie aus der U-Bahn gekommen war. "Hier sind doch nur Trabis" - ungläubiges Staunen.

Sonntagfrüh, Glienicker Brücke. Tor zum Westen für die aus Potsdam und Umgebung. Ehe der Ansturm einsetzte, wurden zwei in ihren Allwetter-Manteln frierende Grepo-Offiziere von den Westkollegen, Zöllnern und Polizisten, noch mit heißem Tee ("aber ohne Rum") versorgt. Ob er denn nun auch bald mal zu Besuch kommt, fragt ihn ein West-Zöllner. Die Antwort: "Nein, das ist nicht in Sicht." Doch sein oberster Dienstherr, Verteidigungsminister Heinz Keßler, hat bereits vor dem ZK der SED angekündigt, daß es auch eine "analoge Reiseregelung" für die Volksarmee und die Grenztruppen geben soll. Aber vielleicht hat der Grepo - er und seine Kollegen sind auch pausenlos im Dienst - das "Neue Deutschland" vom Samstag mit dem Redebeitrag Keßlers noch nicht gelesen.

Kurze Zeit danach waren es Tausende, die über die Glienicker Brücke - "Brücke der Einheit" - in den West-Berliner Stadtteil Wannsee strömten. Seit 1961 war sie die einzige Brücke über die Havel, die Diplomaten und Angehörige von Militarmissionen passieren durften, früher ein Stück der alten Reichsstraße 1 von Königsberg nach Aachen, nun ist sie wieder Verbindungsglied von Berlin nach Potsdam.

Schönster Sonntag seit 28 Jahren

Allerdings: In West-Ost-Richtung müssen die Menschen noch die Formalitäten erfüllen. Kein Visum ohne Berechtungsschein und ohne Zählkarte. "Eigentlich unvorstellbar, wie einfach die aus der DDR hier rüber können", sagt eine junge Frau. Sie und vier Freundinnen, die mit dem Fahrrad einen Ausflug zum "alten Fritz" nach Sanssouci unternehmen wollten, wurden von den Grenzsoldaten zurückgewiesen. Aus dem Osten, nicht nur an der Glienicker Brücke, aber waren viele mit dem "Radl da". Doch die Westberliner gönnen es den Landsleuten, daß es für sie so einfach geworden ist, "rüber" zu kommen.

Freud (DDR-Bewohner) des einen, Leid (Transitreisende) des anderen. Staus, zeitweise bis zu 20 Kilometer, gab es auch am Kontrollpunkt Drewitz/Dreilinden bei der Einreise ins westliche Berlin. Hier entstand die Blechlawine der Transitreisenden, der West-Berlin-Reisenden aus den südlichen DDR-Bezirken und die der Fahrzeuge, Tausende, aus Polen, die zum "Polenmarkt" wollten. Bevorzugt abgefertigt aber wurden die DDR-Autofahrer. Ein völlig neues Gefühl für sie ...

Der 13. August 1961 war ein Sonntag. Gestern, der vierte Tag nach Öffnung der Mauer, war auch ein Sonntag - der schönste seit 28 Jahren. Mit Riesengedränge an den Grenzübergängen einschließlich der unbürokratisch und schnell neu eröffneten. Die City am Kurfürstendamm und Umgebung wurde zur totalen Fußgängerzone. Weitere Übergänge, Löcher in der Mauer, öffnen sich in den nächsten Tagen.

Viele Probleme gibt es, aber sie werden gemeistert - von den Gastgebern wie von den Gästen, die in der Nacht zum Sonntag trotz der Hilfsbereitschaft der Westberliner zu tausenden in ihren "Trabis", auf U-Bahnsteigen, in kirchlichen Einrichtungen oder in den Passagen des Europa-Centers nächtigten. Im Laufe des Sonntags ebbte der Ansturm an den Grenzen ein wenig ab. Aber Millionen, so schätzt man in West-Berlin, werden vor Weihnachten noch kommen. Die Behörden in Ost und West - und das ist ein erfreuliches Zeichen - sind dafür gerüstet. Die Menschen auch - so wie die West-berlinerin aus Rudow: Sieben Besucher aus Potsdam und Babelsberg - sieben von, geschätzt, etwa 800 000 am Wochenende in West-Berlin - standen vor der Tür. Besuch nach 28 Jahren.


  Frederik Ramm, 2001-05-06