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Die Welt, Montag, 13. November 1989, S. 4

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Wallmann fand auch mahnende Worte

Peter Scherer, Herleshausen

War das nicht die eine, ungeteilte deutsche Nation, die sich hier am Wochenende am hessisch-thüringischen Grenzübergang Herleshausen/Wartha begegnete? War das nicht der Tag der deutschen Einheit, den die Politiker nicht erreichen konnten, die Menschen aber aus Ost und West leibhaftig erlebten? Waren sie nicht alle eins, die sich hier umarmten, in ihren Hoffnungen, ihrer Freude, in ihren Erwartungen und Ängsten?

Hessens Ministerpräsident Walter Wallmann (CDU) sprach aus, was viele von ihnen fühlten: "An diesem Tag hat sich das deutsche Volk in die Geschichte eingeschrieben." Immer wieder rief er ihnen, die durch ein Freudenspalier applaudierender Menschen die Grenze überquerten, durch die geöffneten Autofenster zu: "Viel Glück und auf eine gemeinsame gute Zukunft." Tausenden schüttelte Wallmann die Hände.

Aber nicht nur über den hessisch-thüringischen Grenzübergang Herleshausen strömen die Menschen. Ministerpräsident Wallmann ist gestern nachmittag auch dabei, als bei Witzenhausen der Eiserne Vorhang beiseite geschoben wird. Später wird es auch bei Wahnfried geschehen. Bei Phillppstal und Obersuhl sind bereits zusätzliche Übergänge eingerichtet worden. Und hier, an den neuen Lücken der bislang unmenschllchsten Sperranlagen der Welt, können auch Westdeutsche, teilweise ohne Visa, heute in die DDR einreisen.

Der Bundesgrenzschutz berichtet, daß die Arbeiten an den Grenzanlagen zwischen Hessen und Thüringen fast eingestellt wurden. Auch sei die Zahl der dort eingesetzten Soldaten halbiert worden. Nach Auskunft von DDR-Reisenden soll auch die fünf Kilometer tiefe Sperrzone aufgehoben sein.

In einer Sondersitzung der hessischen Landesregierung hat Ministerpräsident Wallmann davor gewarnt, die Diskussion um Möglichkeiten der Unterstützung des Reformprozesses in der DDR durch die Bundesrepublik so zu führen, "als ob jetzt die reichen Vettern aus dem Westen kommen und alles schon richten werden". Zwar beweise jeder Tag mehr, daß die Wiedervereinigung auf die Tagesordnung der Geschichte gerückt sei, und die Zweistaatlichkeit der deutschen Nation in einer gesamteuropäischen Friedensordnung aufgehoben werden könne, doch dürfe nicht der Eindruck entstehen, "als ob es um die Einvernahme der DDR durch die Bundesrepublik geht."

Wallmann, der den Kanzler beim ersten Teil seiner Polenreise begleitet hatte und nach der Rückkehr sofort an die Grenze gefahren war, betonte, es gehe vielmehr um die Selbstbestimmung des deutschen Volkes. Und zu seinen Eindrücken in Polen meinte er: "Entweder es wird Recht und Freiheit für Polen und die DDR geben, oder es wird Recht und Freiheit weder für Polen noch für die DDR geben."


[deutsch] [english] [about] [contact]   Frederik Ramm, 2001-05-06