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Montag, 13. November 1989, S. 5
Die Deutschen wieder zusammen / Rostropowitsch gedenkt der Toten / Mauer am Potsdamer Platz eingerissen
28 Jahre später stehen Tausende, vor allem Jugendliche, auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Die Westberiner Polizei spricht von 700 bis 1000. Sie rufen: "Die Mauer muß weg", "Wir wollen rein" und "Macht das Tor auf".
Angefangen hatte es bereits wenige Stunden nach Verkündung der Reisefreiheit. Helfende Hände von oben ziehen fortlaufend Menschen in die Höhe, die auf den Betonwall wollen. Vor dem Brandenburger Tor, dem Sinnbild sowohl der Teilung Deutschlands als auch des Einheitswillens, ist die Mauer nur 2,50 Meter hoch, aber zur Überraschung aller etwa 3,50 Meter breit. Niemand unter den Demonstranten hätte noch vor kurzem gedacht, jemals so dicht vor dem Brandenburger Tor stehen zu können.
Die Sicht reicht von hier bis tief in die Prachtstraße Unter den Linden im Herzen des Ostberliner Stadtbezirks Mitte. Dort stehen den ganzen Tag lang rund 200 Ostberliner und Neugierige aus der gesamten DDR. Sie schauen nach Westen. Viele von ihnen sagen, es werde Zeit, daß "der Egon" diesen Zugang endlich freigebe. Anders als im Westen, ist die Stimmung hier, wo die Straße Unter den Linden in den Pariser Platz übergeht, verhalten.
Am Freitag stehen zwischen dem Tor und der Mauer selbst - mit dem Gesicht nach Westen - zunächst nur rund 70 Angehörige der DDR-Grenzpolizei, junge Manner von 20 bis 25 Jahren, deren versteinerte Mienen allmählich auflockern. Erstmals in der Geschichte der Mauer müssen sie einen massiven Zutrittsversuch von Westen abwehren.
Mit "echt Berliner-Schnauze" fordern 10 bis l4jährige Schüler, die an diesem geschichtsträchtigen Tag frei bekommen haben, den Durchlaß. Immerhin war es in der vergangenen Nacht bereits einigen Demonstranten gelungen, vom Westen her ungehindert bis zum Alexanderplatz im Osten vorzudringen.
Zum regelrechten Liebling der Mauerbesetzer wird ein Grenzpolizist mit dunkler Hautfarbe. Er nimmt als erster zwei rote Nelken an, die ihm ein junges Mädchen gereicht hat. Sie war kurzerhand von der Mauer nach Osten henintergesprungen. Der junge Mann behält die paar Blumen längere Zeit in seiner Hand. Hunderte andere springen in diesen Vormittagsstunden ebenfalls von der Mauer nach Osten, versuchen im Sprint durch das Tor zu gelangen. Sie alle werden von den Ostberliner Grenzsoldaten eingefangen und auf die Mauer zurückgehoben.
Mit Einbruch der Dunkelheit ändert sich die Stimmung. Mehr und mehr erscheinen ältere Demonstranten auf der Mauer. Unter vielen von ihnen kreisen Sekt- und Schnapsflaschen. Mit harten, aggressiven Schmährufen kühlen viele, darunter auch zahlreiche Ostberliner uni DDR-Bewohner, ihr Mütchen. Einer berichtet, er habe in dem berüchtigten Zuchthaus Bautzen sitzen müssen.
Die Ostberliner Grenztruppe hat nun zwei schwere Wasserwerfer und ein Feuerwehrauto in Position gebracht. Etwa 300 Grenzpolizisten stehen in langen Ketten Wache. Hinter dem Tor, das von Schweinwerfern in West und Ost hell beleuchtet ist, bilden Militärlastwagen, Stoßstange an Stoßstange, eine zusätzliche Sperrkette. Das hat einen Grund: Inzwischen befinden sich östlich da Mauer, auf dem Vorplatz des Brandenburger Tores, der nach westlicher Lesart noch immer Hindenburg-Platz heißt, bereits 200 bis 300 junge Leute. Sie rufen den auf der Mauer Stehenden zu: "Springt runter, springt runter". Die Westberliner Polizei mahnt die Demonstranten über Lautsprecher zur Besonnenheit und warnt davor, daß Ost-Berlin die Wasserwerfer einsetzen könnte. Doch kaum jemand nimmt das ernst. Schließlich, am Samstag gegen drei Uhr früh, beginnen die östlichen Kräfte damit, den Kessel der Demonstranten in Richtung Mauer zusammenzudrükken. Es ist schwere Kraftarbeit. Als nichts hilft, greifen sie sich immer wieder Einzelne heraus und heben sie auf das Bauwerk.
Am Südende des Hindenburg-Platzes, dort, wo die Mauer auf die Höhe von 3,50 Meter anwächst, ertönen stundenlang laute Hammerschläge. Mit Meißeln, Hebeln und Brechstangen gelingt es jungen Leuten aus der sogenannten Szene, einige der runden Betonwülste, die die Brüstung bilden, hochzuheben und in den Todesstreifen nach Osten fallen zu lassen. Als es hell wird, stürzt sogar das obere Teil einer mit Stahl mit Stahl verstrebten Betonplatte unter lautem Jubel zusammen. Erst als die Westberliner Polizei über Lautsprecher ansagt: "Symbolische Beseitigungen der Mauer sind in Anbetracht der Lage sinnlos - bitte bleiben Sie einsichtig" und einen Schlagstockeinsatz androht, weichen die Tausende zögernd zurück. In Ost und West wird die Stelle sofort mit Einsatzfahrzeugen abgeriegelt und DDR-Bautrupps schließen diese Lücke notdürftig.
Den Rest erledigen die DDR-Wasserwerfer mit kurzen Einsätzen. Vor dem Brandenburger Tor ziehen sich zwei junge Menschen schwere Kopfverletzungen zu, als sie von der Mauer stürzen.
In den Vormittagsstunden des Samstags hat die Regierung in Ost-Berlin ihre Herrschaft über das Staatsgebiet der DDR" in diesem symbolträchtigsten Teil des Eisernen Vorhangs noch einmal zurückgewonnen. Schwarze Soldatenstiefel stehen nun auf der auch auf der Ostseite mit bunten Graffiti beschmierten Berliner Mauer.
Doch die Demonstrationen reißen nicht ab. Tausende stehen bereits in der Nacht zum Sonntag erneut vor dem Brandenburger Tor und wollen auf die Mauer. Wiederholt erschallt der Ruf: "Die Mauer muß weg". Als etwa 50 aggressive Fußballfans, die sogenannten "Hertha-Frösche", Randale machen wollen, kommt es kurzzeitig zu einer gespannten Lage. Doch die Westberliner Polizei schützt mit einer Kette von Fahrzeugen auf Ostberliner Gebiet das Bauwerk.
ANETTE WIRTH/FRANK PAWASSAR
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