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Montag, 13. November 1989, S. 6
Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht mit Tränen in den Augen, umarmt von jubelndem Volk. Samstagabend in der Disco der Ostharzer Ortschaft Stapelburg nahe Bad Harzburg. Eckertha1/Stapelfeld war der erste von vier neuen Grenzübergängen nach Niedersachsen, die übers Wochenende geöffnet wurden. Bis Sonntagmittag errichteten Grenztruppen und Technisches Hilfswerk zusätzlich eine Fahrzeug-Behelfsbrücke und planierten die Zufahrten: Die vormalige Reichsstraße 6 ist nicht mehr unterbrochen. Zuvor hatte bei Zorge/Ellrich östlich Bad Sachsa und bei Mattierzoll/Hessen östlich Wolfenbüttel (B 79) sich die Grenze geöffnet. Von Ellrich/DDR nach Walkenried fuhr, nach Jahren "nur für den Güterverkehr", erstmals wieder ein Personenzug.
Brennpunkte blieben Helmstedt und Duderstadt. Die idyllische Kleinstadt ostwärts Göttingens ist Schauplatz überwältigender Wiedersehensfreude der Bevölkerung des Eichsfeldes - Nachbarskinder, Schulfreunde, Geschwister. Schauplatz zugleich einer weiteren innerdeutschen Premiere: Grenzschutz-West und Grenztruppen-Ost lenkten gemeinsam die auf vierzig Kilometer bis Nordhausen in Thüringen gestauten Autolawinen im Übergang Duderstadt/Worbis.
In den Postämtern, Rathäusern, Bahnhöfen der Grenzraumstädte bis nach Hannover wurde Wochenenddienst außer Plan geschoben - und nirgends mißmutige Gesichter. Bei der Helmstedt-Autobahn standen sie Stunden um Stunden im Hupkonzert und graublauen Zweitaktqualm, geradezu begeistert armeschwenkend die Karawane in die Fahrrspuren einweisend.
Während östlich Helmstedts auch am Sonntagnachmittag die Fahrzeugkolonnen noch immer bis hinter Magdeburg reichen, strömen sie auf der Gegenfahrbahn wieder heim mit Hupgetöse und Winken. "Wiederkommen, wiederkommen!" rufen Spalierstehende hinterdrein. Fünf junge Franzosen, auf dem Weg nach Berlin im fahnengeschmückten Kleinwagen, Schwarz-Rot-Gold und Europasterne, scheren aus. Die Fahrertür fliegt auf, eine Riesenfiasche Champagner wird geschüttelt, der Inhalt über die Trabbis und die Zuschauer versprüht: "A la liberté!"