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Montag, 13. November 1989, S. 6
Beide schmückten die Kriegsverbrecherliste der alliierten Sieger von morgen. Beider Abdankung gehörte zu den Vorbedingungen für den Abschluß eines Waffenstillstandes. Wilhelm II. fügte sich in die Abdankung als Kaiser, wollte jedoch König von Preußen bleiben - eine Illusion. Prinz Max von Baden betraute wiederum auf eigene Faust den Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert, mit der Reichskanzlerschaft. Über die künftige Staatsform sollte eine Nationalversammlung entscheiden - wiederum eine Illusion. Denn in der Mittagsstunde rief der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann angesichts einer vor dem Reichstag lauernden Menschenmenge in einem Gemisch von Verlegenheit und Nervosität die deutsche Republik aus. "Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt", so rief er vom Balkon des Lesezimmers im Reichstag den Menschen unten zu.
Hatte das Volk wirklich gesiegt? Oder hatten die Alliierten gesiegt? In jedem Fall war dies ein trauriger Tag, ein denkbar schlechter Start für die erste deutsche Republik. Der Kaiser, der nach Holland floh, die Bundesfürsten, der Adel, seit Jahrhunderten die traditionelle Führungsschicht, traten sang- und klanglos ab. Ein Machtvakuum blieb. Im Grunde glich die Stimmung angesichts vier Jahren Krieg ohne Sieg, unter der gnadenlosen Hungerblockade der Alliierten, einem schweren Katzenjammer nach dem nicht mehr nachvollziehbaren gewaltigen Begeisterungsrausch, mit dem das deutsche Volk Anfang August 1914 den Krieg begrüßt hatte.
Gibt es historische Daten von magischer Kraft? Für den normalen Historiker natürlich nicht. Aber der 9. November 1918 hatte unmittelbare oder mittelbare Folgen für den Verlauf unserer deutschen Geschichte. Bewußt fünf Jahre später versuchte Adolf Hitler an der Spitze der ersten nationalsozialistischen "Bewegung" in München, damals angeblich der Hort des wahren Deutschland, mit einem sehr dilettanisch angelegten Putsch die Macht im Reich an sich zu reißen, gegen die "Judenrepublik", die "Novemberverräter" in Berlin. Der Putsch scheiterte im Feuer der bayerischen Landespolizei. Hitler meinte, er müsse sich nun erschießen. Daran hinderten ihn Freunde.
Der Putsch hatte im "Bürgerbräukeller" begonnen. Der Bürgerbräukeller sah alljährlich eine Pseudo-Kult-Gedenkfeier mit Hitler und den "Alten Kämpfern" von Anno 1923 am 8./9. November. Und hier erfuhr man am 8. November 1938, daß in Paris der Legationssekretär vom Rath den Verletzungen erlegen sei, die er beim Attentat eines jungen Juden erlitt - das Signal für die Inszenierung des ersten Reichspogroms gegen die deutschen Juden mit dem Brand der Synagogen, der düsterste von allen Neunten Novembern, die wir je hinter uns gebracht haben. Und wiederum im Zusammenhang mit der Kultfeier in München am 8./9. November steht der Versuch eines fanatischen Hitler-Hassers, des Schreiners Georg Elser, Hitler am Festabend im Bürgerbräu durch eine Zeitzünderbombe zu töten, was ihm um ein Haar geglückt ware. Die Folgen sich auszumalen, ist müßig. Es hat nicht sollen sein. All diese Daten sind Trauertage.
Der fünfte "Neunte November", den wir nun in tiefer Bewegung am Freitag erlebt haben, ist zum ersten Mai in unserer Geschichte ein Freudentag gewesen. Die Deutschen in Mitteldeutschland haben sich ihre Bewegungsfreiheit erstritten. Noch wissen wir nicht, wie der Marsch weiter geht. Doch erst im Blick auf die Vergangenheit kann man die wahrlich historische Einmaligkeit dieses 9. November 1989 voll ermessen.
WALTER GÖRLITZ