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Montag, 13. November 1989, S. 6
Zu "chaotischen Verhältnissen" ist es nach Angaben des Bundesgrenzschutzes gestern an den vier in Hessen neu eröffneten Übergängen an der innerdeutschen Grenze gekommen. Wie das Grenzschutzkommando Mitte in Kassel mitteilte, hatten bis zum frühen Nachmittag bereits rund 10 000 Besucher aus der DDR die'. erst kurze Zeit vorher eröffneten Übergänge Philippsthal, Obersuhl, Wanfried und Witzenhausen passiert. Die Zahl der Übersiedler sei dabei "verschwindend gering".
Eine Welle der Hilfsbereitschaft schlug den DDR-Besuchern in Hessen entgegen. In Kassel wurden Neuankömmlinge vor dem Rathaus mit Tee und Kaffee versorgt, tausende warme Mahlzeiten wurden ausgegeben. Die Städte Mainz und Wiesbaden luden DDR-Besucher zu Sonntagsausflügen ein. Die Besucher wurden gestern morgen mit Bussen am Kontrollpunkt Herleshausen abgeholt und abends dorthin zurückgebracht.
Für Kurzurlauber wurden zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten bereitgestellt. Erzbischof Johannes Dyba von Fulda öffnete kirchliche Häuser mit 350 Betten für die DDR-Besucher. Ortsgruppen des Malteser-Hilfsdienstes erklärten sich bereit, die Versorgung und Betreuung von Flüchtlingen zu übernehmen. 500 Betten unter dem Kasseler Hauptbahnhof waren in kurzer Zeit belegt. Mit weiteren 200 Notbetten half das Rote Kreuz in Frankfurt aus. Auch Jugendherbergen im grenznahen Raum boten den Besuchern Unterkunft an. Die US-Armee reservierte Plätze für sie.
Insgesamt standen dem hessischen Sozialministerium 8500 Not- und Übergangsunterkünfte bereit. Das hessische Landwirtschaftsministerium offerierte 800 Wohnungen in leerstehenden Dienstgebäuden.
Der hessische Umweltminister Karlheinz Weimar rief zu Patenschaften für DDR-Übersiedler auf. Nach dem Krieg seien zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene integriert worden. Deshalb müsse es unter ungleich günstigeren Wirtschaftsbedingungen möglich sein, einigen Hunderttausend zu einem neuen Start zu verhelfen.