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Das Buch ist weitgehend nüchtern-wissenschaftlich, aber an einigen Stellen läßt der Autor sich zu Wertungen hinreißen. Man erfährt deutlich, daß er von Kernenergie, Gentechnik und künstlicher Nahrung nichts hält. Im Literaturverzeichnis finden sich auch ein paar ziemlich ungewöhnliche Referenzen ("Blade Runner"; Bücher des Prostituiertenprojekts "Hydra"; Bücher über Geheimbünde, Elektrostreß, "matriarchale Ästhetik", Religion und "Mikrowellen: die verheimlichte Gefahr").
Das war, was ich zu bemängeln hatte. Dennoch ist es ein außergewöhnliches Buch. Der Autor ist Architekt und beschäftigt sich aus diesem für die Branche fast laienhaft zu nennenden Blickwinkel mit allen Aspekten des Wohnens im All - sprich, Raumstationen und Kolonien auf fremden Planeten. Er macht sogar eigene Entwürfe, und bei den meisten Themen, die er behandelt, behält er die Architektur irgendwo im Auge (klingt manchmal fast so, als wolle er sich für einen Exkurs entschuldigen, wenn er schreibt: "Das ist auch für den Architekten von Bedeutung, denn...").
Neben einem ausführlichen technischen Abriß über bisherige Raumstations-Projekte (auch die, die nur geplant wurden - Stand leider nur ca. 1990) wird so ziemlich alles aufgezählt und detailliert behandelt, was dabei zu bedenken ist: Die Hauptkapitel lauten "Arbeit und Freizeit", "Pläne und Verwirklichungen", "Transport und Standorte", "Weltraummedizin und Gesellschaft", "Lebenserhaltung und künstliche Ökosysteme", "Werkstoffe und Energie", "Wohnen und Wohnfunktionen". Insgesamt geht der Autor so weit ins Detail, daß wir zum Beispiel auch spezielle Unter-Unter-Unterkapitel zu solchen Themen wie "Berufsbilder im All", "Genuß-, Rausch- und Suchtmittel" (ja, der Autor ist gegen Prohibition), "Mögliche Antriebssysteme für die fernen Sterne", "Angewandte Weltraummedizin", "Architektur und Strafrecht", "Fischzucht", "Rohstoffgewinnung auf den Asteroiden" und "Altersgerecht Bauen" finden.
Es ist schon erstäunlich, was man sich alles für Gedanken über die Raumfahrt und die Zukunft des Menschen im All machen kann. Hier ist mal jemand, der keinen Science-Fiction-Roman geschrieben hat, sondern mit enzyklopädischem Eifer die Ärmel hochgekrempelt und alles notiert bzw. gesammelt hat, was ihm so einfiel.
(Ich kann nur hoffen, daß der Sachverstand des Autors auf den anderen Gebieten besser ist als auf dem der Netzwelt, denn die 1,5 Seiten, die er dem Internet widmet, sind leider völlig in die Hose gegangen.)
Prädikat: Sollte man sich mal anschauen. Wirklich interessant, und ich habe etwas vergleichbares nicht mal auf Englisch gesehen. Ist leider spärlich in Bibliotheken vertreten, ich mußte zum ersten Mal in meinem Leben die Fernleihe bemühen und erhielt ein Expl. aus der UB Hannover. Alle Achtung: diese Fernleihe ist ein beeindruckender Service. Das Buch steht (Stand 2/99) noch im VLB, ist aber in keinem Online-Buchhandel zu finden. JF Lehmanns liefert auch auf eMail-Bestellung.
| [deutsch] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2001-04-26 |