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Helen DeWitt: The Last Samurai

Dieses Buch (eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit, aber noch nicht erhältlich [Stand: April 2001]) ist etwas besonderes - für mich zumindest - aber in einer ganz anderen Weise, als ich zunächst vielleicht dachte. Die Geschichte ist schnell erzählte: Alleinerziehende Mutter läßt ihren Sohn Worte in fremdsprachigen Büchern farbig anmalen, um etwas Zeit für ihre Arbeit zu haben; Sohn wird ein Genie und lernt mehrere Sprachen, und Mathematik, und Wissenschaften, bevor er jemals eine Schule von innen sieht; Sohn will wissen, wer sein Vater ist, aber Mutter erzählt es ihm nicht, weil es ihr peinlich ist; Sohn findet es trotzdem heraus und sucht nach Ersatzvätern.

Ach ja, und der Titel kommt daher, daß die Mutter ihrem Sohn ein paar männliche Rollenmodelle anbietet, indem sie ihm fast ununterbrochen Akira Kurosawas Film "Die Sieben Samurai" zeigt.

Das, oder zumindest ungefähr das, hat mich schon zum Kauf des Buches angeregt, als ich eine Rezension las. Aber das ist nicht das, was dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Das Besondere ist die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, und die Beziehung zwischen dieser kleinen Familie und der Außenwelt. Diese Beziehung besteht, hauptsächlich, aus (a) Neugier und (b) Verachtung, und beides ist faszinierend. Die Mutter, Sibylla, hat sich diese kindliche Neugier für alles und jedes, was sie noch nicht kennt, bewahrt, und sie ist durchaus in der Lage, auf ein Buch über, sagen wir, die Prinzipien des Flugs zu stoßen und es zu kaufen, weil es einfach interessant ist. (Und das ist umso erstaunlicher, als daß ihr Job darin besteht, langweilige Artikel aus alten Spießerzeitschriften abzutippen.) - Zugleich ist da aber auch ein bißchen Schwermut und, vor allem, Verachtung für alles, was nicht auf ihrem Niveau ist, für das Alltagsleben der "normalen" Menschen um die beiden herum. Der Sohn, Ludo, erbt beides - Neugier und Verachtung -, und ihn erwarten einige Überraschungen, als er zum ersten Mal mit Gleichaltrigen zusammentrifft. (Wie man sich leicht vorstellen kann, gibt es einige Probleme für alle Beteiligten in seinen ersten Tagen in der Schule!)

Die ersten Kapitel werden von Sibylla erzählt, aber Stück für Stück weicht ihre Stimme der ihres Sohnes, der dem Leser einen erstklassigen Einblick in die Welt aus der Sicht eines sechsjährigen Genies gibt.

Wenn man das Buch gelesen hat, fragt man sich, wie viele interessante Leute, wie viele "schlaue Köpfe", man jeden Tag in der U-Bahn trifft, ohne daß es einem auffiele. Und - aber das mag meine persönliche Folgerung sein - es zeigt auch, wie Intelligenz und Wissen, aber vor allem nicht der Besitz von Wissen, sondern das Streben danach, den Unterschied machen können, selbst, wenn sie nicht benutzt werden, um Wohlstand oder Ansehen zu erzielen.

Dies ist das beste Buch, das ich in den letzten paar Jahren gelesen habe. Entweder sofort kaufen oder verschwinden und nicht wiederkommen. (Chatto & Windus; ISBN 0-701-16956-7, gebunden, ca. 530 Seiten; deutsche Ausgabe und Taschenbuchausgabe sind erhältlich.)

Webseite der Autorin: www.helendewitt.com


[deutsch] [english] [about] [contact]   Frederik Ramm, 2005-07-10