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Ich bezeichne mich gern als einen kritischen Menschen. Kritisch zu hinterfragen sind nach Möglichkeit stets auch eigene Sinneseindrücke: Klingt meine Hifi-Anlage wirklich besser, seit ich den Klingeldraht zwischen CD-Spieler und D/A-Wandler durch ein Goldkabel ausgetauscht habe und die Daten jetzt irgendwie einfach noch digitaler sind? Oder ist das alles Psychoakustik, bilde ich mir das nur ein, weil teure Kabel einfach besser sein müssen?
Wer erst einmal viel Geld ausgegeben hat, hat mehrere Motive, sich positiv über die erworbenen Produkte zu äußern. Einerseits kann es reine Prahlerei gegenüber jenen sein, die sich nicht auskennen oder nicht das nötige Kleingeld für die diskutierten Luxusprodukte haben. Andererseits auch der Wunsch, im Freundeskreis nicht als Trottel dazustehen, wenn man zugibt, unnötig Geld zum Fenster herausgeworfen zu haben. Dieses Motiv wird oft so weit verinnerlicht, dass das teure Produkt allein aufgrund des Preisetiketts wirklich als besser empfunden wird.
Anlässlich einer Diskussion in einer von mir frequentierten Newsgroup verlieh ich im Oktober 2005 meinem Unmut über selbsternannte Connaisseure Ausdruck, die in Wahrheit immer das teuerste am besten finden. In diesem Fall ging es um (Malz-) Whisky; einer lobte irgendeinen unbezahlbaren 21jährigen Single Malt über den grünen Klee, der andere schimpfte auf Johnnie Walker. (Für Nichttrinker: Johnnie Walker ist ein "Blend", eine Mischung aus verschiedenen Malzwhiskies und auch "Grain"-Whiskies aus ungemälzter Gerste; ein "Single Malt" ist ein Whisky aus einer einzigen Destillierie. Ein "Blend" wird von Kennern weniger geschätzt und ist in der Regel deutlich billiger.)
Ein Newsgroup-Teilnehmer meinte, er sei selbst auch seiner eigenen Wahrnehmung gegenüber kritisch und sei aber durchaus der Ansicht, dass die älteren (und in der Regel teureren) Whiskies auch besser schmecken als preiswerte Varianten (News-Posting). Er würde sich gern einem Blindtest stellen.
Schnell waren die Modalitäten geklärt: Ich würde eine Anzahl von Whiskies, die im deutschen oder britischen Handel so erhältlich sind, in Probierfläschchen abfüllen und ihm zur Verkostung zusenden; er sollte diese in eine geschmackliche Rangfolge bringen. Die Korrelation zwischen seiner und der vom Markt gebildeten Rangfolge würde zeigen, ob er recht hat.
Ein statistisch signifikantes Experiment wäre natürlich weder meinem Portemonnaie noch des Probanden Leber zuzumuten - aber eine Stichprobe ist ja schon unterhaltsam genug.
Ohne Umschweife wurden die erforderlichen 5cl-Flaschen mit Schraubverschluss im Internet bestellt (60 Cent pro Stück). Etwas länger dauerte die Auswahl geeigneter Whiskies. Anhand diverser Internet-Quellen stellte ich einen geeigneten Querschnitt durch die Whiskylandschaft zusammen - vom Aldi-Blend (Literpreis 10 Euro) bis zum 20jährigen "Bruichladdich" (Literpreis 150 Euro).
Alle Whiskypreise in diesem Artikel sind als Literpreis angegeben. Diese Vergleichszahl habe ich errechnet, indem ich den Preis für die größte handelsübliche Menge (i.d.R. 0,7l, zuweilen 1,0l) im preiswerten deutschen Whiskyversandhandel im Oktober 2005 ermittelt, auf Liter umgerechnet und dann auf 5 Euro gerundet habe.
Insgesamt kamen drei Blends und 14 Single Malts (davon einer aus Irland und damit ein Whiskey, kein Whisky) zum Einsatz, die Single Malts im Altersbereich von 7 bis 21 Jahren. Einige Sorten hatte ich selbst vorrätig, einige besorgte ich im lokalen Einzelhandel, und den Rest kaufte ich bei einem relativ preisgünstigen Versand im Internet, dessen herunterladbare PDF-Preisliste mir auch bei der Auswahl hilfreich war. Von einigen exotischen oder besonders teuren Sorten bestellte ich nur die Miniatur-Flaschen, die gerade 5cl enthalten.
Die Lieferung kam nach einer Woche, vollständig und einwandfrei (lediglich die Tatsache, dass die zum Verpacken verwendeten Pappmaterialien ausweislich ihres Aufdrucks zuvor rohe "Burger King"-Frikadellen enthielten, rief ein leichtes Augenbrauenrunzeln hervor).
Mittlerweile hatte sich sogar ein Newsgroup-Teilnehmer gemeldet, der das Vorhaben so interessant fand, dass er einen Beitrag zur Finanzierung leisten wollte, wenn das Ergebnis veröffentlicht wird. Der Beitrag war zwar, gemessen an den Kosten des Versuchs, eher symbolisch, aber das hat meine Freude darüber nicht getrübt. Was könnte man alles für interessante Experimente anstellen, wenn es mehr Leute gäbe, die so spontan ins Portemonnaie griffen!
Ich stellte die endgültige Liste zusammen, wies jeder Whiskysorte einen Kennbuchstaben zu, ließ die bestellten Probierfläschchen einmal durch die Spülmaschine laufen, markierte sie und begann (nachdem die Flaschen getrocknet und abgekühlt waren) mit der Probenabfüllung.
In Ermangelung eines geeigneten Trichters und weil bei den Sorten, von denen ich nur über ein 0,05cl-Miniaturfläschchen verfügte, kein Tropfen daneben gehen sollte, verwendete ich trichterförmig zurechtgebogene Aluminum-Becher von Teelichtern, die ich vor jeder Nutzung gründlich reinigte und auskochte - das Abfüllen war im Wahrsten Sinne des Wortes der "Flaschenhals" des Versuchs, und der Geschmack der einzelnen Whiskies sollte nur so wenig wie möglich beeinträchtigt werden. (Die Beeinträchtigung durch das Öffnen der Flaschen und den Kontakt mit Luftsauerstoff konnte ich nicht vermeiden, obschon ich so schnell wie möglich umfüllte.)
Dieses (montierte) Show-Bild zeigt alle am Test beteiligten Whiskies und die fertig befüllten Probierfläschchen.
(Eine vollständige Liste gibt es natürlich auch. Aber wer sich die Spannung erhalten mag, der sollte noch abwarten, bis der Verkoster probiert hat!)
Wenn die Whiskies erst einmal alle in gleichartigen Flaschen abgefüllt sind, kommen auch die Farbunterschiede schön zum Tragen (die Reihenfolge entspricht nicht der aus dem Bild oben):
(An dieser Stelle sei angemerkt, dass durchaus auch teurere Whiskies vom Hersteller durch den Zusatz von Zuckercoleur gefärbt werden; man kann also mitnichten aus der Farbe auf irgendetwas schließen. Eine interessante Abhandlung zum Thema Whiskyfarben findet sich bei The Whisky Store.)
Ich musste mich nun wohl oder übel von den netten kleinen Fläschchen trennen. Sie wurden sorgfältig verpackt und mit der Post auf den Weg zum Verkoster gebracht; dieser sollte sich nun alle Zeit nehmen, die er brauchte, um die Qualität zu beurteilen.
Ende 2006 startete ein Nachfolge-Projekt mit 56 Teilnehmern.
| [deutsch] [english] [about] [contact] | Frederik Ramm, 2007-03-01 |