Download Kinder, wie die Zeit vergeht#424 | 05.03.2008 | 07:39 Uhr | 2284 k | 06:28 Min

Kinder, wie die Zeit vergeht

Meine Kinder lassen mich alt aussehen. Richtig alt. Gestern wurde ich auf jenseits von 40 Jahren geschätzt, weil ich doch schon so große Kinder habe. Falls dass nur ein bissiger Seitenhieb gewesen sein sollte, um mich aus der Reserve zu locken, kann ich das auch mit Humor nehmen und durchaus positiv sehen. Zumindest gibt es jemanden, der mich aus der Reserve locken möchte.

Allerdings wirft mein nächster Geburtstag, überdies auch noch ein Runder - oder zumindest ein halber Runder - seine Schatten schon voraus: Wie üblich peile ich für meinen ganz persönlichen Festtag ein von mir im Übereifer willkürlich gewähltes Wunschgewicht an. Was das angeht scheint sich meine körperliche Entwicklung, wie bei einem Gummiband abzuspielen. Vor ein paar Jahren noch, habe ich mein Gewicht deutlich über strapaziert. Nach radikalen Einschnitten in meinem Leben ging es auch mit dem Gewicht wieder rapide in die leichtere Richtung. Nun schwingt das Gummiband noch nach. Daher nehme ich momentan entweder zu oder ab. Dazwischen gibt es nicht viel. Wenigstens sind die Ausschläge nun nicht mehr so extrem, doch das Wellenspiel hat entsprechende Auswirkungen auf meine Haut und das Bindegewebe. Mit anderen Worten: Ich hätte auch auf den Umweg mit der Frau verzichten und die Kinder locker selber bekommen können.

Das ist nur Oberfläche, nur Aussehen. Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Mit den üblichen Alterserscheinungen im knackenden Knien, manchmal verspanntem Rücken und wahlweise grauen oder ausfallenden Haaren hat vermutlich jeder zu kämpfen. Durch die tägliche Belastung mit dem Rad ist meine Ausdauer und Gesundheit allerdings heute besser als je zuvor. Keine Probleme mit körperlicher Anstrengung, Erkältungen und meine Allergien sind dank Lebenserfahrung berechenbar. Mein Körper ist zwar kein Tempel, aber ich zähle ihn zu meinen engsten Freunden und das Gefühl scheint inzwischen auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

Doch so langsam frage ich mich, ob mann - und im speziellen ich selber - mit Mitte dreißig doch so eine Art von Eitelkeit entwickelt. Rein oberflächliche Gedanken schwirren um die Schwangerschaftsstreifen am Bauch und an den Innenseiten der Arme. Sollte ich mir vielleicht doch mal eine Brille zulegen oder den 20 Zoll Monitor mit einer Auflösung von 800x600 Bildpunkten betreiben? Bisher kennt nur die Friseuse das Geheimnis meines Haaransatz'. In meinem Badezimmer tauchen so seltsame Kosmetikprodukte wie Cremes und Lippenbalsam auf. Gelegentlich trage sogar ich mal ein andere Farbe als Schwarz. Liegt das jetzt alles am Alter oder einfach nur daran, weil im Frühling die Frauen wieder hübsch werden?

Mein Interesse an Frauen hat sich fundamental gewandelt. Klar schaue ich nach wie vor einem paar hübscher Beine hinterher und mein Blick verweilt viel zu oft im tiefen Ausschnitt von üppigen kleinen Mädchen. Ich weiß ein hübsches Gesicht und eine leckere Figur zu schätzen, allerdings frage ich mich immer öfter, was ich denn mit so einem angemalten Püppchen soll. Was weiß ich denn schon über die Frau? Wie tickt die? Ist sie doof wie Stroh oder tut sie nur so, um Männern zu gefallen? Hat sie Werte, verteidigt sie ihre Einstellung selbstbewusst, wofür steht sie oder geht es ihr nur darum versorgt zu sein? Eine bestimmte Frau weckte sogar mal den Beschützerinstinkt in mir und dabei wusste ich gar nicht, dass ich über so etwas verfüge. Es hätte völlig ausgereicht, sie im Arm zu halten, ein bisschen zu drücken, aufzumuntern und wieder fit zu machen für das Leben. Vielleicht kommt es noch dazu. Jetzt aber ohne eine bestimmte Frau im Blick zu haben stehe ich heute auf selbstständige weibliche Wesen, die im Leben ihre Frau stehen und nicht auf einen Mann angewiesen sind. Höchstens als eine angenehme Dreingabe, ein Zuckerle, das bisschen mehr im Leben als Schlafen, Funktionieren und Arbeiten.

Schließlich lande ich doch wieder bei der Arbeit. Mit meinem Tagwerk bin ich alles andere als zufrieden. Ich bin leider bei meinem Versuch gescheitert, mir nicht den Schleichgang eines Beamten anzugewöhnen. Der Arbeitsplatz prägt mich doch mehr, als ich mir das dachte. Ich habe kapituliert vor irrwitzigen Formularen, selbstbezüglichen Amtsvorgängen und der kleinen und großen Bürokratie aus Schuldzuweisung, Kabale und Liebe. Selbst aus unserem informationstechnischen, gallischen Dorf mit einer Hand voller respektabel fähiger Kolleginnen und Kollegen, kann ich nicht viel gegen den Irrsinn eines galoppierenden Amtsschimmels ausrichten. Seit dem Praktikum in einer Fensterbaufabrik sind stupide, langweilige und eintönige Tätigkeiten mein Alptraum schlechthin. Aber außerhalb unserer geheiligten Hallen gehen viele Kollegen nur dann erfreut und zufrieden nach Hause, wenn sie immer und immer wieder die selben Daten in den Computer eingeben und ausdrucken durften. Hier habe ich gelernt, wie man sich mit Hilfe von Informationstechnik selbst so sehr im Weg stehen kann, dass immer genügend Aktionismus dabei abfällt. Das hat auf mich eine überraschend demotivierende Wirkung auf mich, ist aber änderbar.

Da wären wir dann bei der Zukunft. Die nächsten 35 Jahre? Ich bin hin und her gerissen beim Gedanken, mit 70 Jahren wieder so einen Text zu verfassen. Vor allem der Zukunftsteil träge dann vermutlich leicht morbide Züge. Auf der anderen Seite dürfte sich die Zufriedenheit über mein Leben weiter ausdehnen. Ich bin heute schon stolz darauf, wie ich lebe. Daran habe ich mich jetzt schon so gewöhnt. Es gibt noch einiges zu tun, zu sehen und daher habe ich auch in 35 Jahren noch vor zu leben. Mit allen Rück- und Tiefschlägen. Aber auch mit jeder Menge Liebe. Soviel Zeit muss sein. 


>> RMS

Sven - kann man hoeren

Gedanken aus dem Kopf eines kindischen Mittdreiszigers

Komm' und steck' Deine Ohren in mein Leben. Aber Vorsicht! Das sind alles nur durchschnittliche Geschichten, Gedanken und Gefuehle aus einem mittelklassigen Leben. Doch es ist mein Leben und wenn schon kein anderer darueber berichtet, mach' ich es halt selbst.


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