Download Mein wahres ich#427 | 07.04.2008 | 22:51 Uhr | 2239 k | 06:21 Min

Mein wahres ich

Seit einer Woche sitze ich hier vor meinem Computer. Ich habe ein neues Spielzeug gefunden. Ein Stück geschenkte Hardware. Ein alter Rechner oder etwas anderes mit einer CPU drin. Ich stelle mir immer wieder neue Aufgaben, was ich damit anfangen möchte und wie ich es in mein Computernetzwerk einbinden kann. Ist ein kleines Zwischenziel erreicht freue ich mich kurz und versuche weiter auszuloten, was das Ding noch so alles kann. Egal ob der Hersteller das so vorgesehen hatte oder nicht. Ich installiere Software, Compiler und Debugger für irgendwelche exotischen Maschinensprachen. Ich bastle Kabel und einfache Schaltungen mit meinem Lötkolben, der sich immer griffbereit in der untersten Schublade meines Schreibtisches befindet. Selbst wenn ich schon ein paar Jahre lang kein Lötzinn mehr gerochen habe. Ich lese Spezifikationen, welche auf irgendwelchen obskuren russischen Servern über chinesischen Blogs zu finden waren. Geschrieben in einem schrecklichen englisch, dass ich dennoch verstehe. Die Sprache der Technik ist universell. Zwischendurch geh' ich in die Küche und esse Kirschmarmelade auf Toast, ein blankes Stück Wurst mit Senf oder Tomatenscheiben auf Schwarzbrot mit Salz, direkt auf der Verpackung zubereitet. Mit einem Messer geschmiert, auf dem ich noch meine letzten fünf Mahlzeiten ablesen kann. Meine Cola geht langsam zur Neige und ich greife wieder zum Mineralwasser. Bei der nächsten Pizzalieferung soll der Typ zwei Eineinhalbliterflaschen mitbringen. Wenn ich durch den Raum laufe, verteile ich knispernde Krümel gleichmäßig am Boden und ärgere mich, wenn ich in einen Tropfen flüssiger Nahrung trete und in der halben Wohnung Stempel davon hinterlasse. Mit einem ekligen, stinkigen Spüllumpen beseitige ich die schlimmsten Spuren. Aber jedes Intermezzo nutze ich nur, um Pause von der Rechnerarbeit zu machen und darüber nachzudenken, was ich sonst noch so alles mit meinem Spielzeug anstellen könnte, um es besser kennen zu lernen. Nach zwei Tagen hat der Schlafanzug mit dem ich hier sitze angefangen, etwas zu müffeln. Inzwischen ist es besser. Ich habe mich daran gewöhnt. Von Zeit zu Zeit werde ich müde und schiebe die Pizzaverpackungen auf dem Sofa bei Seite oder geh rüber ins Schlafzimmer. Die Laken sind inzwischen fleckig und müffeln auch etwas. Aber an schlafen ist sowieso nicht zu denken. Ich liege wach und denke weiter über meine Aufgabenstellungen und neue Tricks nach, die ich ausprobieren möchte. In einem Forum habe ich gelesen, dass jemand geschafft hat, mein Spielzeug zu was völlig außergewöhnlichem zu bringen. Mp3 abspielen zu lassen auf einem Telefon, ein WLAN-Router, der als Druckerserver funktioniert, mein Mobiltelefon dass nun über Bluetooth über das Internet telefoniert oder ein Backup eines Betriebssystems zum Laufen gebracht hat, dass vermutlich außer auf meinem Exotenrechner von vor 10 Jahren heute auf der ganzen Welt sicher nirgends mehr läuft. Die richtigen Herausforderungen für Männer eben. Das kann ich auch, durch Nachdenken in verrückten Ideen, rumprobieren, Ausdauer und viel Spass bei der Sache. Meine Bartstoppeln jucken inzwischen etwas. Ich sehe vermutlich aus wie ein Barbar. Der Kühlschrank ist aber leergefuttert. Ich werde der traurigen Tatsache mutig entgegen treten und Nachschub besorgen müssen. In meinem momentan Zustand bin ich sicherlich keine Augenweide, aber mich fragt auch niemand, wie andere Leute aussehen. Oh - es ist gerade kurz vor Ladenschluss - wenn ich jetzt losgehe schaffe ich es noch. Nach 40 Minuten auf dem Weg hin und zurück sind mir auch keine Bekannten oder Verwandten begegnet. Ich mag die anonyme Großstadt. Bei Freunden wäre es kein Problem. Die kennen den Zustand in dem ich mich gerade befinde selber nur zu gut. Aber die Kassiererin vom Supermarkt schaute schon etwas mitleidig. Ich hatte allerdings eine gute Idee für mein Spielzeug, die ich gleich ausprobieren möchte und so bleiben die Einkäufe erstmal im Rucksack, bis ich wieder eine kleine Pause brauche. Nachdem ich mich so lange nicht gemeldet habe, hast Du kurzerhand beschlossen, mich am Wochenende zu besuchen und nach mir zu schauen. Du hast immer gute Vorwände mit mir zusammen zu sein. Ich nicht, ich gestehe mir das direkt ein. Ich vertraue Dir. Du hast einen Schlüssel zu meiner Wohnung und findest mich völlig zerfleddert und stinkig vor meinem Laptop sitzen. Du lächelst als ich Dir von meinen unglaublichen Erfolgen erzähle, als ich Dir präsentieren, welche Kunststückchen mein Spielzeug nun kann, wo die Spezifikation ungenau ist und wo sich die Dokumentation irrt. Während ich Dir davon vorschwärme, was ich noch so alles vor habe, gehe in die Dusche und Du hilfst mir bei der notwendigen Grundsanierung der Wohnung. Abends gehen wir essen und ich glühe immernoch etwas nach. Während wir miteinander die Nacht verbringen, bin ich allerdings wieder mit Leib und Seele der Deine. Dein Spielzeug, sowie Du meins bist. Nach acht Tagen ist mein Urlaub schließlich zu Ende und ich gehe wieder entspannt und ausgeruht an die Arbeit. Vor dem Rechner in der Firma.


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Sven - kann man hoeren

Gedanken aus dem Kopf eines kindischen Mittdreiszigers

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Last update was on Tuesday, 11-Jul-2006 by Sven Dickert