Download RMS#423 | 21.02.2008 | 07:49 Uhr | 2672 k | 07:34 Min

RMS

RMS sind die Initalen von Richard Matthew Stallman, dem vermutlich bekanntesten Mitbegründer der freien Software Bewegung und Programmierer unzähliger GNU-Programme. So ziemlich jeder, der schon einmal einen Rechner mit Linux-Kernel angefasst hat, hat auch mit Programmen zu tun gehabt, die von der Free Software Foundation (FSF) stammen und damit zum Teil von RMS.

Der gute Herr Stallman war heute zu Gast in Jena und hat etwa zwei Stunden lang einen Vortrag über freie Software gehalten. Ich komme schnurstracks von dort und da mein Schwarm keine Ambitionen hegt, mehr zu werden, als nur ein Schwarm, habe ich nun etwas Zeit Dir von dem Vortrag zu berichten. Doch der Reihe nach.

Die Veranstaltung fand in einem Hörsaal der hiesigen Universität statt. Ich wusste nicht genau wo. Nur das Gebäude. Doch die charakteristischen Kennzeichen einer größeren Gruppe von Computerfritzen sind nirgendwo zu übersehen. Glücklicherweise traf ich dann noch auf ein paar bekannte Gesichter, so dass ich die viertel Stunde Wartezeit mit einwenig Smalltalk über St. iGNUtius und verwandte Themen überbrücken konnte.

Als ich den Hörsaal betrat, hatte ich so ein seltsames Gefühl. Ich war nie an der hiesigen Uni eingeschrieben, aber ich merkte gleich, dass mich die Universität nun wieder hat. Die typischen Klappbänke und Tische ... und halt lange nicht mehr gehörte Geräusche eine Gruppe von Studierenden, die einen Raum in Beschlag nimmt. Ich wollte etwas sehen und deshalb peilte ich zielgerecht eine der vorderen Reihen an. Aus meiner Smalltalk-Gruppe blieb allerdings nur Anke übrig, die ähnliche Absichten verfolgte wie ich, allerdings etwas unschlüssig war, plötzlich neben einem Fremden zu sitzen.

Langsam füllten sich die Reihen und so kam noch Mikhael rechts neben mir dazu und noch zwei Andere von der lokalen Linux-User-Gruppe und so dürfte sich das Unwohlsein zu meiner Linken etwas veringert haben. Wir warteten dann nochmal etwa eine viertel Stunde, bis die üblichen Verdächtigen im Schlepptau der großen Meisters den Saal betraten. Nach einwenig Vorstellung der Organisatoren, denen ich für diese Gelegenheit natürlich wirklich sehr dankbar bin, trat Stallman dann ans Mikro.

Es folgten die üblichen Definitionen der vier Freiheiten von freier Software, aber die Inhalte sind mir soweit vertraut, dass ich genug Zeit hatte, diesen Menschen vor mir näher zu betrachten und dennoch die Gags, die er in seinem Vortrag einstreute nicht zu verpassen. Der war natürlich in englisch, aber Stallman sprich sorgfältig und langsam genug, dass er weitestgehend im Auditorium verstanden wurde.

Stallman ist von der Statur nicht besonders dick. Er schiebt aber einen ungehäuren Wamst vor sich her, den man einfach nicht verfehlen kann. Er trägt einen dunklen Bart, der an verschiedenen Stellen bereits angegraut ist. Es ist schwer für Bartträger nicht einwenig schmuddelig auszusehen, und in diesem Sinne sieht der Mann auch nicht sehr gepflegt aus. Überraschend fand ich wie im Laufe der Zeit seine Manieren offenbar etwas in Mitleidenschaft gezogen wurden. Anfangs hat er sich öfter Mal in den Bart gefasst oder etwas von der Nase abgewischt. Später gab es dann schonmal ein Kratzen am Oberschenkel oder am Hintern. Ich hätte ihm vermutlich am Abend nur ungerne die Hand gereicht.

Der Vortrag lieferte mir schöne Vergleiche und Argumente gegen proprietäre Software. Das ist neben Malware, Digital Restriction Management (DRM), Software-Patenten und Windows Vista ein Lieblingsfeind der FSF. Stallman geht dabei weniger auf die technischen Unzulänglichkeiten von geschlossenen Softwaresystem ein. Also das nervige Reverse-Ingeneering oder so einen Schwachsinn wie die Softwareregistrung. Es geht ihm mehr um den sozialen, gesellschaftlichen und moralischen Effekt von proprietärer Software. Eine Software, die ich niemandem weitergeben kann, ist kein Beitrag zur Gemeinschaft. Eine Software nicht transparent ist, ist nicht vertrauenswürdig. Eine Software, die ich nicht meinen Bedürfnissen anpassen kann und mit der ich verfahren kann, wie ich möchte, raubt mir meine Freiheit. Er zielt gerne immer wieder Bequemlichkeit die uns viel zu leicht auf unsere Freiheiten verzichten lassen und ist recht kompromisslos, was seine Einschätzung angeht. Die Argumente, mit denen er begründet, wieso ausgerechnet freie Software nicht für den erlebten Kommunismus und sogar für den Schutz von privaten Eigentum stehen, werde ich bei Gelegenheit mal einem sehr renitenten Linux-Kritiker um die Ohren hauen.

Ich hatte befürchtet, dass ich es mit einem extremen Verfechter der Materie zu tun bekomme, der fast schon in religiöser Verblendung seine Thesen verteidigt. Aber davon war nichts zu sehen. Er kann ganz gut unterscheiden zwischen einem Systemfehler und einem fehlerhaften System als Ganzes. Was sich z.B. durch seine Äußerungen zum Kapitalismus zeigt, den er zur Enttäuschung eines Fragestellers nicht verdammt hat. Allerdings grenzt er die FSF auch sehr klar zu Begriffen wie Open Source, Distributionen und Linux ab.

Am Ende der Vortrages macht er sich sogar etwas über das typische Vorurteil lustig, mit welchem auch ich in die Veranstaltung gegangen bin: Stallman mutiert zum heiligen iGNUtius von der Kirche des Emacs. Optisch umrahmt von einem Heiligenschein, der in seinem früheren Leben mal eine Scheibe in einer Monster großen Festplatte war.

Für alle Nichteingeweihten: Emacs ist eine Software, die irgendwann mal ein funktionierender Text-Editor gewesen sein mag, aber dank einer internen Programmierbarkeit in LISP für manche Benutzer heute so eine Art universelle Benutzeroberfläche für Computer darstellt.

Die Fragerunde danach hat nicht mehr viel Interessantes erbracht, was zum Teil auch daran lag, dass ich möglichst flott eine Toilette aufsuchen wollte, vorzugsweise meine Eigene. Eine Unterscheidung macht RMS zwischen Webapplikationen, wie der Wikipedia und Webtextverarbeitungen. Es ist offensichtlich, dass im ersten Fall, die Daten der Wikimedia Foundation verarbeitet werden und die Kontrolle darüber dort gut aufgehoben ist. Im zweiten Fall geht es um meine eigenen Daten auf einem von mir nicht kontrollierbaren Server, ganz zu schweigen von dessen Software. Die Schlußfolgerung dürfte klar sein.

Insgesamt fand ich den Abend sehr informativ und möchte nochmal den Veranstaltern von der <a href="http://www.boell-thueringen.de/veranstaltungen/index.htm">Heinrich-Böll-Stiftung</a> und der <a href="http://www.gi-ev.de/regionalgruppen/thueringen_ost/">Gesellschaft für Informatik (GI)</a> nochmals dafür danken, Stallman live zu erleben.


>> Söldner

Sven - kann man hoeren

Gedanken aus dem Kopf eines kindischen Mittdreiszigers

Komm' und steck' Deine Ohren in mein Leben. Aber Vorsicht! Das sind alles nur durchschnittliche Geschichten, Gedanken und Gefuehle aus einem mittelklassigen Leben. Doch es ist mein Leben und wenn schon kein anderer darueber berichtet, mach' ich es halt selbst.


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Last update was on Tuesday, 11-Jul-2006 by Sven Dickert