Download Söldner#422 | 08.02.2008 | 07:43 Uhr | 3184 k | 09:01 Min

Söldner

Ich bin von Beruf Mörder. Oder nennen wir es ehrlicherweise gleich Killer. Ich werde dafür bezahlt, gegen Menschen in einer ganz speziellen Art vorzugehen: Vorsätzlich und geplant deren Leben zu zerstören. Privat oder beruflich oder bei Bedarf auch beides. Ich zerstöre ihren Ruf, unterminiere ihre Reputation und sorge dafür, dass Menschen in die größte Krise ihres Leben geraten. Aber ich bringe die Leute nicht richtig um. Also nicht biologisch! Das wäre gegen das Gesetz. Aber oft fehlt nicht viel und auch dieses Problem löst sich von ganz von alleine. Wenn ich mit einem Zielobjekt fertig bin, dann hat es in der Regel keinen Job, keine Freunde und keine Frau mehr. Die Familie wendet sich ab. Am Ende steht das Opfer völlig alleine da. Das ist mein Auftrag. Was danach geschieht, geht mich Nichts mehr an.

Früher einmal habe ich bei der Zeitung gearbeitet. In überregionalen Redaktionen und Presseagenturen. Ich war mal eine Zeit lang Pressesprecher eines international agierenden Konzerns, Wahlkampfmanager zweier Parteien in Deutschland, Sekretär einer wohltätigen Stiftung und bedauerlicherweise sogar mal in der Werbung tätig. Das war damals, als es nur um Personen von öffentlichem Interesse ging. Aber dann kam das wundervolle Internet und nun ist jedermann plötzlich von öffentlichem Interesse. Ist das nicht herrlich? Jeder Mieter, jeder Steuerzahler, jeder Kunde, jeder Nachbar, Freund und Feind. Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen gab es schon immer und mit genügend Zeit und viel Glück wachsen die sich zu einer richtigen kleinen privaten Vendetta aus. Nur sind heute die Waffen deutlich vielseitiger und ermöglichen finaler Auseinandersetzungen. Ist das Leben nicht schön?

Ich bediene mich mehrerer, erprobter Werkzeuge. Meine Tatwaffen sind Avatare, Foren, alle Arten von virtuelle Gemeinschaften in denen Vertrauen bereits ein paar Bytes gegenüber erbracht wird, Gästebücher, Kommentare und Google. Ja vor allem Google. Wieso sollte ich auch eine andere Suchmaschine als Google überhaupt erst ins Auge fassen? Soll ich mal lachen? Jeder sucht heute in Google nach Namen. Wirklich jeder! Personalabteilungen zu ihren Bewerbungen; Bankmitarbeiter bei der Kontoeröffnung; Finanzbeamte bei Lohnsteuereinsprüchen; Hotelrezeptionen bei neuen Gästen; Vermieter bei ihren Mietern und sogar das Blind-Date am Freitag abend schaut erstmal bei Google, ob es ggf. nicht doch sicherheitshalber das Pfefferspray einpacken soll. Niemals in der Geschichte gab es ein zentraleres Auskunftssystem über die gesamte Menschheit als Google heute. Hatte ich schon erwähnt, wie schön ich mein Leben finde?

Bei meiner täglichen Datenreise durchs Internet habe ich mal irgendwo den Satz gelesen, dass Google mehr über den Betreffenden weiß, als dessen eigene Mutter. Das mag stimmen, denn Deine Mutter hat nur Erfahrungen und Kenntnisse aus erster Hand. Sie fragt Dich nicht nach Deiner politischen Einstellung, sexuellen Ausrichtung, Deinen Freundeskreis oder welche Parties Du besucht hast. Sie hat keine Ahnung ob sich in Deiner Pornosammlung auch Bilder von kleinen Mädchen befinden, ob Du Nazipropaganda liest, ob Du extremen religiösen Strömungen ausgesetzt bist oder ob Du es mit der Ehrlichkeit beim Medienkauf nicht so genau nimmst. Jeder vertraut aber Google, das Alles über jeden beliebigen Menschen zu wissen. Google ist die Autorität, der sich jeder mit seiner Abfrage beugt. Und woher weiß Google soviel über Dich? Natürlich von mir, ist doch klar!

Gibt es jemanden noch gar nicht im Netz, dann ist der Identitätsdiebstahl sehr einfach. So einfach, wie es ein Maler mit einer komplett leeren Leinwand hat. Ist jemand netzbekannt, fängt meine professionelle Arbeit an. Es ist schwierig eine komplett plausible virtuelle Existenz von jemandem aufzubauen, der selbst im Netz aktiv ist. Doch es gibt genügend Wege und Tricks, dessen Datenspuren bei Google weit hinter den von mir gewünschten Suchergebnissen rangieren zu lassen. Verwechslungen sind auch so ein Problem. Wie viele Peter Müllers wird es alleine in Deutschland wohl geben? Ich kann es Dir genau sagen: 143 Stück. Der Trick besteht nun darin, mit genügend korrekten Daten, die virtuelle Identität anzureichern. Z.B. mit Kontextinformationen, die der Suchende wissen kann: Geburtsdatum, Wohnort, Telefonnummer oder Namen von Eltern und Kindern. Dazu muss ich ein bisschen recherchieren. Nachbarn, Freunde und Bekannte sind eine wahre Fundgrube für persönliche Informationen aller Art, wenn man subtil genug danach zu fragen weiß. Das macht mir in meinem Beruf den meisten Spaß. Wenn ich von direkten und ehrlichen Menschen genaue Auskünfte über ein Zielobjekt erhalte. Wenn honorige Menschen mir bei der Arbeit helfen.

Es ist sehr wichtig, bei der Erstellung so eines digitalen Lebenswandels nicht zu offensichtlich Vorzugehen. Kleine moralische Vergehen, Ungereimtheiten in den Aussagen oder dezente Indiskretionen sind chic. Wenn ein minimaler Verdacht erweckt werden kann, dass eine Person den ungeliebten Forentroll gibt, ist dass schon viel wert. So etwas geschickt verwoben mit wirklichen Erfolgen beim Schachtunier in der 12. Klasse oder glaubwürdigen Berichte von Auslandsjahr, welches nachvollziehbar statt gefunden hat, runden das Ganze ab. Aber Jugendsünden haben wir alle. Nun werden die ersten Schritte im Internet aber gleich für die Ewigkeit aufbewahrt und dessen ist sich jeder bewusst. Daher muss so eine virtuelle Identität natürlich schon etwas eingeführt sein und zu zeigen, dass es sich dabei um einen renitenten, selbstsüchtigen und dauerhaft verdorbenen Charakter handelt. Immer schön mit kleinen Erfolgen garnieren, schließlich ist Stolz auch eine glaubwürdige Emotion.

Ich bin immer wieder erstaunt, welche Autorität digitale Bilder noch haben. Selbst im Zeitalter von Photoshop: Die Stripperin auf dem Schoß beim Jugesellenabschied ist aber auch so stereotyp naiv, dass niemand weiter nachfragen wird. Ein Saufgelage mit Freunden, ein geschmackloser, frauenfeindlicher Witz hier und eine respektlose Bemerkung über behinderte Menschen dort, lassen tief blicken. Und was haben erst Behörden und halbstaatliche Organisationen für einen brillanten Ruf beim Datenschutz. Denen traut man gerade schon zu, dass viele authentische Informationen über Bürger offen im Internet herumliegen. Wenn in einer offiziell aussehenden CSV-Datei steht, dass unser Peter Müller aus medizinischen Gründen nicht mehr beim Blutspenden teilnehmen darf; keine Kredite mehr bekommt, bis der Dispo abgelöst ist oder Mietausfälle in dessen Wohnadresse zu befürchten sind, ist ist quasi egal, aus welcher Quelle diese Informationen wirklich stammen. Es reicht meist, den begründeten Zweifel zu wecken. Den Rest erledigt das Kopfkino des Suchenden.

Jetzt komm' mir aber bloß nicht mit Gewissensbisse oder gar moralischen Bedenken. Ich würde Existenzen zerstören oder Menschen in den Selbstmord treiben? Gewissensbisse habe ich nicht. Das ist mein Job, meine Arbeit. Damit verdiene ich mein Geld, nichts weiter. Ich bin ein Söldner des Internetzeitalters. Ich mache die Regeln, Gewohnheiten, Vertrauen und Naivität der Leute nicht. Ich benutze sie nur. Jeder Mensch hat eine schwache Stelle, Bereiche in denen er sich sicher fühlt, die er aber aufs Spiel setzt, ohne es zu bemerken. Es gibt einen Bedarf für meine Arbeit. Den bediene ich und das mache ich verdammt sehr gut. Das glaubst Du mir nicht? Naja, dass wirst Du dann schon noch sehen!


>> Lüge

Sven - kann man hoeren

Gedanken aus dem Kopf eines kindischen Mittdreiszigers

Komm' und steck' Deine Ohren in mein Leben. Aber Vorsicht! Das sind alles nur durchschnittliche Geschichten, Gedanken und Gefuehle aus einem mittelklassigen Leben. Doch es ist mein Leben und wenn schon kein anderer darueber berichtet, mach' ich es halt selbst.


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Last update was on Tuesday, 11-Jul-2006 by Sven Dickert