Das Allerbachinstitut hat in Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät der Universität Obersuhlszau eine Studie zu den erschreckenden Folgen für Podcast-Macher und Hörer herausgegeben.
Danach haben sich bereits 8 von 10 Hörern insoweit von der Realität entfernt, daß sie ernsthaft annehmen, daß, was sie in Sendungen hören von
echten Menschen stammt und nicht wie in Wirklichkeit von Redaktionsteams ausgedacht und in nächtelangen Sitzungen verabschiedet wurde. Die Leute glauben inzwischen das Personen wie
Benada oder
Caro wirklich existieren. Daß das aber nur begnadete Sprecher sind, die sorgfältig ausgearbeitete Skripte vorlesen, ist nur noch einem Bruchteil der Hörer bewußt.
Ein weiteres Zeichen für den fortschreitenden Realitätsverlust ist zu sehen in der Bereitschaft der Hörer, sich immer und immerwieder die selben Sendungen anzuhören. Damit ist der Weg vorgezeichnet in eine
Podcast-Abhängigkeit. Wie bei jeder anderen Sucht sind die Folgen Entfremdung von der Umgebung und Flucht in noch mehr Podcasts. Ein Teufelskreis.
In so einem Zustand ist der Hörer sehr labil. Wenn dann z.B. die Triple-A Batterien ausgehen oder die Akkus leer sind kann ein Hörer leicht gereizt wirken. Wenn er einige Zeit vom Internet getrennt ist (wie z.B. über Weihnachten zu Hause) und damit der Nachschub versiegt, schrecken Hörer auch nicht zurück mal anzurufen, nur um die
vertraute Stimme wieder zu hören. Einige Podcast-Macher haben deshalb eigens eine 01212-Nummer eingerichtet. Endgültig rebellieren die Hörer aber, wenn Podcasts aus technischen Gründen nicht regelmäsig erscheinen oder komplett eingestellt werden sollen. Dann werden schonmal Unterschriften gesammelt und Podcast-Macher öffentlich bedrängt weiterzumachen.
Leider ist das nur die Spitze des Eisberges. Ein völlig anderes Extrem ist die vorgebliche totale Ablehnung von allem was mit Podcasting zu tun hat. 95 von 100 Hörern geben doch tatsächlich an,
noch nie etwas von Podcasting gehört zu haben. Offenbar sind sie sich ihrer Abhängigkeit nur zu bewußt und schämen sich dafür, wenn sie unbeobachtet doch stundenlang am mp3-Player hängen.
Hörer haben es sicherlich nicht leicht. Wer
nebenher
Podcasts hören will, wird feststellen, daß sowas nicht geht. Schnell verliert die Haupttätigkeit die Aufmerksamkeit und man ist völlig im
Bann der Stimme und mit seinen Gedanken wo ganz woanders. Kein Wunder, wenn das Essen anbrennt, die Partnerin frustriert ihre Anwerbeversuche für einen gemeinsamen Fernsehabend abbricht, Freunde die Wohnung verlassen, wenn sie den mp3-Player sichten oder das Haus nach und nach verwarlost. Da sind weibliche Hörerinnen klar im Vorteil. Ihnen wird nachgesagt, sogar gleichzeitig Podcasts hören _und_ aufnehmen zu können.
Peinlich kann Podcasthören werden, weil die Umwelt so ganz und gar nicht auf Gefühlsausbrüche eingestellt ist. In Bibliotheken reagieren Zeitgenossen leider noch völlig unsensibel auf die Folgen von podcasthören. Andere sind da schon deutlich weiter. Spontan und
laut herauslachenden Hörern wird in öffentlichen Verkehrsmitteln gerne und oft von Umstehenden der Weg zur nächsten Tür frei gemacht. Von den Folgen die es hat, wenn ein Hörer seinen eigenen Namen im Podcast hört und persönliche angesprochen wird, gar nicht zu reden.
Insgesamt ist die Gesellschaft auf dieses Problem viel zu unvorbereitet. Es wird immernoch zu leichtfertig davon ausgegangen, daß jemand der in der Öffentlichkeit mit Stoepseln im Ohr rumläuft nur seinen persönlichen Lebens-Soundtrack hört,
niemand rechnet mit Wortbeiträgen.
Aber auch Podcast-Macher bleiben von negativen Folgen nicht verschont. Offenbar können manche Sendungen einfach nicht beendet werden. Die werden immer und immer wieder aufgenommen. Da werden dann auch schonmal
Ausreden wie: das Programm ist abgestürzt, die Folge war zu verrauscht, Mikro war nicht eingeschaltet, File ist verloren gegangen und ähnliches vorgeschoben. Die Leute werden mit einem Thema einfach nicht mehr fertig und sind so berauscht, daß Sie wie im Zwang, den selben Text immer und immer wieder sprechen müssen.
Das hat auch wieder Folgen auf das entsprechende Umfeld. Wie oft hören Podcast-Macher eigentlich: Komm' endlich wieder ins Bett, wenn Sie
mitten in der Nacht aufstehen, um noch schnell zwei Stunden am Skript für die nächste Sendung zu arbeiten, nur weil sie im Traum eine Idee dazu hatten?
Menschen, die sowohl Podcasts erstellen als auch welche hören
leiden unter einer weiteren, mehr technischen Auswirkung. Durch die angespannte Zeitsituation schaffen sie es oft nicht, ihre eigene Playliste zu Ende zu hören. Immer mehr Sendungen sammeln sich im Podcatcher und es bleibt so wenig Zeit sich das Zeug auch anzuhören.
Leider haben sich bisher noch zu wenige Mediziner und Psychotherapeuten auf diese Folgen eingestellt. Deshalb müssen Menschen, die mit Leuten umgehen müssen, die etwas mit Podcasting zu tun haben, sehr
verständnisvoll sein. Vielleicht wird mit einer verbesserten Verbreitung des Medium im Jahr 2006 auch das Gespür der Gesellschaft für die psychischen Folgen von Podcasting verbessert.
Angelehnt an das
podcast asylum - leider bringen die Australier oft Schweden und Deutschland durcheinander.
Kommentieren