Download Wie alt ist das Internet?#401 | 24.04.2007 | 08:18 Uhr | 2558 k | 07:15 Min

Wie alt ist das Internet?

Wie alt ist das Internet? Die Antwort auf dieser Frage ist sehr vom persönlichen Standpunkt, vom Hintergrundwissen, der Bewertung von Erinnerungen, den Fixpunkten und von der eigenen Chuzpe abhängig.

Persönlich hatte ich Mitte der 80er Jahre erste Kontakte mit so etwas wie Computernetzwerken. Es gab da in meiner damals bevorzugten Computerzeitung, der 64er oder war es schon die Amiga? Egal - ich habe damals viel zu viele schlechte Magazine gelesen. Dort jedenfalls erschienen immer mal wieder Artikel von so exotischen Diensten wie Compuserve, die zur Verteilung von Public Domain und Sharewaresoftware dienen sollten. Und natürlich zu Verteilung von Raubkopien genutzt wurden. Ganz abgesehen von den vielen interessanten Abbildungen leicht begleideter Frauen in eindeutigen Posen.

Mit der Kommunikationtechnik hatte ich es damals nicht so sehr. Der Lötkolben hat es mir angetan, die Hardware und rauszufinden, wie Computerspiele und Demos programmiert wurden, übten die Hauptfaszination auf mich aus. Dazu kam, dass Modems oder Akkustikkoppler bei meinem Budget als Jugendlicher unbezahlbar waren. Mal ganz abgesehen von den horrenden Telekommunikationskosten der damaligen Deutschen Bundespost. Maximal Nachts hätte ich die Telefonleitung meiner Eltern blockieren und die Telefonrechnung strapazieren dürfen. An den Betrieb von sowas wie einer Mailbox war überhaupt nicht zu denken. Abgesehen davon waren die Abbildungen von leicht begleideten Frauen in eindeutigen Posen auf dem Computer den einschlägigen Magazinen wie Wochenend oder VHS technisch noch sehr unterlegen. Also hielt sich mein Drang ins Netz noch in Grenzen.

Von heute betrachtet, haben diese Netze wie Compuserve oder Mailboxen aber schon damals zwei sehr erfolgreiche Internetdienste nämlich eMail und Chat angeboten. Daher möge mir die Geschichte des Netz' nachsehen, wenn ich diese Netze zur Geschichte des Internet, dazu zähle.

Das richtige Internet kam für mich erst viel später. Ende 1993 begann ich mit dem Studium der Informatik und da war eine eMail-Adresse einfach Pflicht. Wie Heuschrecken sind wir jungen Studenten damals über die Poolräume hergefallen. Es gab so viel zu lernen, so viel zu entdecken. Jeder fand bei der Beschäftigung mit VMS, Unix, eMail und Usenet-Programmen einen Kniff oder zwei, über den man sich mit dem wildfremden Kommilitonen vom Terminal nebenan, stundenlang über IRC austauschen konnte. Ganz abgesehen von diesem neumodischen WWW, von dem Andy damals schon so viel hielt. Auf den Herbst war das Internet zu der Zeit eingestellt: Das war die Jahreszeit, in der die neuen Studenten ins Netz kamen, sich wie Elefanten im Porzelanladen aufführten, sich im Usenet bitterböse Flamewars lieferten und bei den älteren Semestern die Vermutung festigten, dass das Netz so viel naive Dummheit sicher nicht überleben wird. Zwei Jahre später wurde AOL populär und von da an, war DAU-erhaft Herbst im Internet. Mein persönlicher Anfang ist ganz klar, mein Fixpunkt und das Internet ist aus der damaligen Perspektive heute also exakt 14 Jahre alt - keine Widerrede!

Erst ein halbes Jahr später fand ich heraus, dass die meines Wissens erste deutsche eMail-Adresse zorn@germany damals bereits sieben Jahre alt war. Sieben Jahre! Meine Güte! Sieben Jahre sind im Computerbereich etwa eine komplette Generation von Programmierern. Sieben Jahre! Wie töricht war es von mir, dass Internet für so jung gehalten zu haben. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Damals waren bereits einige grundlegende Protokolle, die das Internet heute immer noch ausmachen und inzwischen zur selbstverständlichen Infrastruktur geworden sind, schon 20 Jahre alt. 20 Jahre! Also fast drei Generationen an Programmierern. Das ist genauso wie wenn ich heute das Auto für die allerneueste Erfindung, den letzten Schrei der Technik halten würden, dessen Prinzip aber mein Großvater bereits kannte und mit Glück sogar schon nutzte.

Zugegeben, das Internet war damals noch nicht so schrecklich graphisch, so bunt und bewegt. Zwar war mein oller Amiga bereits mit einer graphischen Benutzeroberfläche, intuition, ausgestattet, aber im Internet bevorzugte ich lange reine Textanzeige-Programme. Ganz einfach deswegen, weil eMail, News und IRC zu 99% aus Text bestehen und der graphische Schnickschnack nur ablenkt. Sag' spartanischer Purrist zu mir, ich sage konzentriertes Arbeiten dazu.

Ich kann mich noch an die Auseinandersetzungen um den bösen Navigator vom kommerziellen Anbieter Netscape erinnern, welcher im Gegensatz zu guten, weil akademischen Mosaic, das Blink-Tag beherschte und viele Webseiten dadurch unleserlich machte. Das waren hauptsächlich nur Homepages von Studenten, die ich eigentlich zum Selbstzweck gelesen hatte und auf deren Inhalt ich nicht wirklich angewiesen war. Dieser erste Browserkrieg lies sich also verschmerzen. Dennoch war das der Anfang des bewegten WWW, der sich in animierten GIFs, Flash-Animationen und YouTube fortsetzen sollte und bald mit Joost fortsetzen wird. Das ist nur Beispiel, dass sich die Angebote im Internet in Richtung Anwender entwickeln, neue Dienste kommen nur sehr selten hinzu. Qualitatives Fernsehen aus dem Internet gibt es bereits seit einige Jahren, nur halt vielleicht nicht im Web-Browser sondern halblegal in Tauschbörsen. Aber es wäre vermessen heute zu behaupten, dass man alles im Internet kennt. Das war zwar früher auch schon so, es ist mir damals nicht aufgefallen.

Inzwischen komme ich mir wie ein langjähriger Eingeborener vor, der staunend bewundert, wie Jahr für Jahr neue Schaaren von Entdeckern das Netz heimsuchen. Die Bedienung von vielen Diensten wurde so vereinfacht, dass die Anwender einen guten Durchschnitt der Weltbevölkerung bilden. Heute kann man nicht mehr davon ausgehen, dass jemand der ein Blog schreibt, auch weis, wie man eine Blogsoftware schreibt. Jemand der RSS nutzt, braucht nichts mehr über die RSS-Spezifikation zu wissen. Sicherheit ist heute zur Installation einer Firewall verkommen und bedingt nicht mehr die Installation eines Gehirns beim Anwender. Witzigerweise machen also bei allem Komfort die Leute heute immernoch die selben Fehler, die ich vor 14 Jahren schon gemacht habe. Nur vielleicht auf einem anderem technischen Niveau. Deshalb festigen die Neulinge nur immer wieder meinen persönlichen Eindruck, dass das Netz so viel naive Dummheit sicherlich nicht überleben wird.

Fakt ist, das Netz hat ganz gut überlebt. Weil es sich anpasst. Das Internet ist nicht mehr überall akademisch oder freundlich oder ehrlich oder offen und so weiter, aber an manchen Stellen ist es das immernoch. Das Internet gleicht für mich immer mehr den normalen menschlichen Gesellschaften in denen es viel Elend, Leid, Hunger Verbrechen gibt, aber es gibt auch Stellen wo es sich leben lässt.

Jetzt habe ich also die beiden Pole, dass das Internet wahlweise so jung ist, wie der letzte, neu hinzugekommene Anwender oder im Extremfall so alt sein kann, wie die Menschheit. Die Abschätzung wirkt unscharf, wenn man sie nicht gerade in einen kosmischen Kontext rückt. Aber, wie alt ist das Internet denn eigentlich für Dich?


>> Die Woche 16/2007

Sven - kann man hoeren

Gedanken aus dem Kopf eines kindischen Mittdreiszigers

Komm' und steck' Deine Ohren in mein Leben. Aber Vorsicht! Das sind alles nur durchschnittliche Geschichten, Gedanken und Gefuehle aus einem mittelklassigen Leben. Doch es ist mein Leben und wenn schon kein anderer darueber berichtet, mach' ich es halt selbst.


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Last update was on Tuesday, 11-Jul-2006 by Sven Dickert